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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 6 (1909) · p. Seite 125

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
6 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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Ar. Srligrnarm: Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? 125 Für diese Lehre von der Entwicklungsfähigkeit des Judentums fordern wir Anerkennung oder zum mindesten Verständnis von seiten des jüdischen Religionslehrers. Der jüdische Religionslehrer, der unter den obwaltenden Umständen, mit dem gegebenen Schülermaterial den wahren Zweck des Religionsunterrichts erreichen will, muß bei aller Festigkeit seines religiösen Standpunkts vorurteilslos genug sein, daß er für abweichende Uleinungen Verständnis hat. Er muß durch unbefangenen Blick in die Verhältnisse, wie sie nun einmal gegenwärtig im deutschen Zudentum liegen, zu der Höhe des Standpunkts sich erhoben haben, daß er die verschiedenen Richtungen sieht und toleriert. Der wahre Religionslehrer darf weder nach rechts noch nach links unduldsam und verständnislos sein. Für ihn gilt als erste Richtschnur wiederum ein unsterbliches Wort Lessings aus seinem Nathan: „So glaube Zeder seinen Ring den echten. . . strebe von euch Zeder um die Wette, die Rraft des Steins in seinen! Ring an Tag zu legen! Romme dieser Rraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit zu Hilfe." Ulan sage nicht, daß der rechte Glaube seiner Natur nach ausschließlich, rechthaberisch und unduldsam sein müsse. Die Unduldsamkeit ist ein Fehler des Charakters, nicht eine Folge der Ueberzeugung. Wahre Religiosität des Herzens ist immer duldsam. Ein klassisches Beispiel, wie man beim Religionsunterricht anderen Richtungen gerecht werden kann, ist das Lehrbuch der jüdischen Geschichte von Levin, welches in dieser Beziehung in einem erfreulichen Gegensatz zu dem Löw enstein scheu Geschichtsbuch steht. Das erstere, dessen Verfasser der Reform angehört, wäre für unseren gemeinsamen Unterricht ohne weiteres zu benutzen, das letztere, dessen Verfasser der Orthodoxie angehört, ist für unseren Unterricht gradezu unmöglich. Nach dem Prinzip des Levinfchen Lehrbuches mache der Religionslehrer die Schüler in den Gberklasfen der bezeichneten Schulen unbefangen und objektiv mit dem Standpunkte der verschiedenen Richtungen innerhalb des Zudentums bekannt. Ls ist dies ebensowenig ein Hineintragen von religiösen Meinungsverschiedenheiten in die Schule, wie wenn der Geschichtslehrer, ohne selbst Stellung zu nehmen, seinen Schülern die Reformationsgeschichte vorträgt, die doch mit ihren Wirkungen in die Gegenwart hineinragt, oder wenn er, wie das die neuesten Verordnungen vorschreiben, seine Schüler mit dem Programm der politischen Parteien im gegenwärtigen Deutschland bekannt macht. Ebenso wie es in heutiger Zeit unbedingt notwendig ist, die jüdischen Schüler nicht im Unklaren zu lassen über die Angriffe, die gegen ihre Religion gerichtet werden, ebenso ist es — bei der religiösen Verschiedenheit der Schüler beziehungsweise ihres Elternhauses — eine unbedingte Notwendigkeit, den Schülern zu sagen: Zn diesem Punkte herrscht heute innerhalb des Zudentums eine Verschiedenheit. Er vermeide es, diesen j)unkt zu einem Hauptpunkt zu machen und hüte sich vor der offenen oder versteckten Parteilichkeit bei solchen Erörterungen, wer sich nicht fähig fühlt, diese Rücksicht auf das religiöse Empfinden seiner Schüler zu nehmen, der lasse — ohne eigene Bemerkungen seinerseits — die verschiedenen Richtungen durch den Mund ihrer wissenschaftlichen Vertreter selbst reden, d. h. er lasse aus den Schriften S. R. Kirschs, Geigers, Frankels usw. die geeigneten Stellen vorlesen. Dazu bedürfte es freilich einer sorgfältig und taktvoll ausgewählten, fachmännisch geprüften Zusammenstellung. Durch dieses objektive und darum einzig mögliche Verfahren ist der in dieser Frage

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