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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 6 (1909) · p. Seite 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
6 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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124 Ar. Leligmunn: Me gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? Judentums begründen und statuieren, welche gegenüber den individuellen Satzungen und Gebräuchen des Zudentums eine größere Freiheit in Anspruch nimmt. Nun werden uns freilich Aussprüche der Talmudlehrer und Rabbinen entgegengehalten, nun werden wir insbesondere auf Rlaimonides hingewiesen, welcher in dogmatisch formulierten Sätzen die Unveränderlichkeit des schriftlichen und mündlichen Gesetzes in allen seinen Teilen für alle Zeiten statuiert und alle der ewigen Seligkeit für verlustig erklärt, welche behaupten, die ganze Thora oder auch nur ein einziges Gesetz in ihr dürfte abrogiert oder als veraltet erklärt werden. Aber hat nicht Rlaimonides auch dogmatisch formulierte Sätze aufgestellt, gegen welche sein großer Zeitgenosse Abraham ben David aus jDosquieres mit aller Energie protestiert?*) Hat nicht Albo in seinen Zkkarim (3, ßTcitte]) wörtlich erklärt: wenn Rlaimonides die Unveränderlichkeit des Gesetzes als Dogma aufstellt, „so hält diese Behauptung keine kritische Prüfung aus." Seine Beweise sind nicht stichhaltig. Zn Wirklichkeit sind zahlreiche Gesetze geändert und abgeschafft worden. Und es ist dadurch erwiesen, „daß die Gesetze der Thora, wenn auch nicht im Ganzen, so doch teilweise verändert werden können, nach der Verschiedenheit der wechselnden Geschlechter." Zn ähnlicher Weise spricht sich Thasdai Tresoas (Gr adonai 2, 8, 3) aus. Uluß nicht Ulaimonides ans seiner Zeit verstanden werden? Spricht er es nicht selbst an verschiedenen Stellen klar und deutlich aus, daß seine dogmatischen Fixierungen von der Unabänderlichkeit des Gesetzes die Selbstbehauptung des historischen Zudentums *) s. besonders Anmerkung des Rabbi Abraham Ben David zu Ulaimonides, Mischne Thora, Hilchoth Ulamriin 2,2. Mipne schenisbatel hataam. gegenüber Christentum, Zslam, Raräern und anderen Sektierern im Auge haben? Sind nicht überhaupt alle dogmatischen Fixierungen des Zudentums, wie sie vor: einzelnen Talmudlehrern und Rabbinen der späteren Zeit aufgestellt wurden, nichts weiter als individuelle Theorien, die beim Fehlen einer autoritativen Behörde niemals gesetzliche Sanktion erlangten und erlangen konnten, die, ebenso wie sie eine lange Zeit hindurch allgemeine Anerkennung fanden, solange sie dem religiösen Bewußtsein der Gesamtheit entsprachen, so in steter Entwicklung anderen Theorien den s?latz räumen müssen, wenn andere Verhältnisse andere dogmatische Fixierungen notwendig machen? Und haben wir darum nicht die dogmatische Berechtigung, aus dem Bedürfnis unserer Zeit heraus, bei aller Anerkennung des historisch Gewordenen und Bestehenden, die mündliche Lehre wieder flüssig zu machen? Nicht besser können wir unsere Auffassung von dem Flüssigen und dem Beharrenden, von dem Veränderlichen und dem Unveränderlichen, von dem persönlichen religiösen und dem autoritativen Element im Zudentum ausdrücken als mit jenem berühmten Worte Lessings: „wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, ob schon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: „wähle!" ich fiele ihn: mit Demut in seine Linke und sagte: „Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" Dieses Streben nach Wahrheit, das dem Menschen seinen f)ersönlichkeitswert verleiht, das die Wahrheit immer lebendig und gegenwärtig erhält, das aber immer und immer von der offenbarten autoritativen Wahrheit beherrscht und in seinem Subjektivismus eingedämmt wird, gelangt in der mündlichen Lehre, der Lehre von der Entwicklungsfähigkeit des Zudentums zur vollen Ausprägung.

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