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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 6 (1909) · p. Seite 123

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
6 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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Kr. Srligrrmnn: Wir gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? 123 Thora je anders deuten dürfen als es geschrieben steht, sonst hätten die Targumim die Anthropomorphismen in ihrer Uebersetzung nicht verschleiern dürfen, sonst hätten sie nicht von einer besonderen Begabung zur Prophetie reden dürfen, sonst hätten sie die Offenbarung als ein Apokalypse (wie die Griechen das wort übersetzen), als ein Mysterium ansehen müssen, dessen Schleier man nicht lüftet. Auch für uns ist die Prophetie eine Erscheinung, für die wir keine Analogie in der Geschichte finden. Auch wir stehen auf dem Standpunkt, daß der Prophet instinktiv schaut und von Gott ergriffen wird. Gott gibt sich ihm zu erkennen; aber nicht durch Menschensprache, sondern durch die Sprache der Seele. So sagt, um den Lsauptvertreter der liberalen Richtung des neuen Judentums anzuführen, Abraham Geiger (in seinen Vorlesungen I, p. 54 ff.): „Das Lsineinleuchten der alles erfüllenden Kraft in die einzelnen Geister, so daß sie ihre endliche Schranke durchbrechen, das ist, scheuen wir doch das wort nicht, Offenbarung. Warum sollten wir das Wort denn nicht gebrauchen dürfen, da, wo wir auf den Urgrund stoßen, auf eine Erleuchtung, die von dem höheren Geiste ausgeht, die nicht erklärt werden kann . . . wir wollen das Wort nicht in dogmatischer Weise beengen und begrenzen; es mag verschieden aufgefaßt werden, aber in seinem inneren Wesen bleibt es dasselbe, die Berührung der menschlichen Vernunft mit dem tiefen Urgrund aller Dinge."*) Kann bei dieser dogmatisch durchaus nicht feststehenden Auffassung der Offenbarung das Judentum gewiß nicht auf eine einseitig orthodoxe Auffassung der Offenbarung festgelegt *) vgl. ferner j)hilippson, Die Israelitische Religionslehre I. p. 65 ff. und Leox. Stein, Die Schrift des Lebens I. p. 55 f., \\ö f. und Kontroverse mit Felsenthal. werden, so darf dies noch weniger geschehen in bezug auf den wesentlichsten j)unkt, in welchem wir uns unterscheiden: unsere Stellung zum Gesetz und zur Lehre von dessen ewig unabänderlichen Verpflichtungskraft. W i r wollen die l e b e n d i g e L n t w i ck - lnng dem Judentum gewahrt wissen. Wir erkennen neben dem beharrenden Element, der Autorität der Vergangenheit, auch dem fortschreitenden Element, das aus dem religiösen Verlangen der Gegenwart seine religiöse Kraft schöpft, die volle Daseinsberechtigung im Judentum zu. Wir setzen neben die abschlossene schriftliche Lehre wieder eine stets gegenwärtige m ü n d l i ch e Lehre, nicht eine aufgeschriebene, die alle kommenden Geschlechter wiederum an eine neue Autorität unauflöslich fesselt, sondern eine flüssige mündliche Lehre, die jedem gegenwärtigen Geschlecht des Judentums die Möglichkeit gibt, alte Worte und Formen, welche dem religiösen Empfinden eines großen Teils der lebenden Generation nicht mehr entsprechen, in stetem lebendigen Zusammenhang mit der Geschichte umzudeuten und umzuformen und so die Bibel selbst, die ewige Grundlage des Judentums, für jedes neue Geschlecht neu zu erwerben, wir tun damit nichts anderes, als was die alexandrinischen Religionsphilosophen, was die Talmud- und Midraschlehrer, was die mittelalterlichen Exegeten und Religionslehrer, was die späteren Rabbinen selbst getan haben. Sie haben die Bibel im Lichte ihrer Zeit ansgelegt. Ihre Auffassung und Auslegung, ihre Einwendung des Bibelwortes war durch den Knlturstandpunkt ihrer Zeit und durch ihre Lebensverhältnisse bedingt. In diesem Sinne wollen wir die Entwicklungsfähigkeit anerkannt wissen und so die dogmatische Berechtigung jener Richtung im Judentum wissenschaftlich und im Geiste des

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