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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 6 (1909) · p. Seite 122

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
6 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 Ar. Seligmunn: Mir gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? stoßen. Er würde vor allein einen unheilvollen Zwiespalt Hervorrufen zwischen schule und Elternhaus. . Beim Religionsunterricht am allerwenigsten kann die Schule auf die Mitwirkung des Elternhauses verzichten. Wenn von diesen beiden mächtigen Faktoren der religiösen Erziehung entgegengesetzte Einflüsse auf das Rind ausgehen, dann ist es um die harmonische Erziehung noch viel schlimmer bestellt, als wenn in der Schule selbst widersprechende Einflüsse auf den Schüler einwirken. Run kann selbstverständlich der Religionsunterricht nicht auf jede individuelle Einsicht jedes Elternhauses Rücksicht nehmen. Das hieße die Religion, die Gebieterin und Gesetzgeberin des Lebens sein soll, zur Magd des Lebens degradieren. Der Unterricht in Religion kann von einer bestimmten Norm der Religion unter keinen Umständen abgehen, wenn er nicht Spielball eines schrankenlosen Subjektivismus werden will. Es ist nicht wahr, daß die liberale Richtung diesem schrankenlosen Subjektivismus huldigt und sich von jeder religiösen Norm und Autorität lossagt. Auch uns ist die Bibel die verehrungswürdige wahrheitsquelle, das Buch der göttlichen Offenbarung. Wie diese Offenbarung aufzufassen sei, als ein geschichtlicher Vorgang, dessen Beglaubigung das Wunder der äußeren Form der Offenbarung, oder als eine geschichtliche Tatsache, deren Beglaubigung der Inhalt der Offenbarung ist, das ist eine offene Frage, die im Talmud selbst und bei den jüdischen Religionsphilosophen verschieden beantwortet wird. Die Schrift selbst spricht sich über die Art und Weise der Offenbarung nicht deutlich aus. Aber darin sind sich alle Ausleger einig, daß die Worte: „Gott sprach", „Gott erschien" usw. nicht wortwörtlich genommen werden dürfen. „Die Thora redet nach Menschenwcise," sagt schon der Talmud. So wenig die klassische Stelle: „Mund zu Mund rede ich mit ihm", jemals von einem vernünftig denkenden Bibelleser wörtlich aufgefaßt worden ist, so wenig dürfen irgendwelche sinnliche Bezeichnungen von Gott und Gottes Wirken wortwörtlich genommen werden. Die Offenbarungslehre darf sich nicht in Widerspruch setzen mit der unantastbaren Lehre von der Reingeistigkeit Gottes. Deshalb sagt der Talmud: „Alle Propheten sahen Gott in einem getrübten Spiegel, Mose sah ihn in einem klaren Spiegel", womit nichts anderes gesagt sein kann, als daß selbst Mose, der die höchste Stufe der Prophetie erstieg und der deutlichsten Offenbarung gewürdigt wurde, nur wahrnahm, wie Gott in der endlichen Welt erscheint, so wie man in einem Spiegel nicht die Wirklichkeit selbst, sondern nur das reflektirte Bild der Wirklichkeit erblickt. Nicht anders kann auch ein Wort aus dem Midrasch Wajikra rabba aufzufassen sein: „Gott redete aus der Stimme Moses'". Der Talmud spricht ferner von einer „geschaffenen Stimme", d. h. einer nicht von Gott direkt ausgehenden Stimme, die am Sinai gehört wurde, sondern einem seit der Schöpfung naturgesetzlich sich entwickelnden Vorgang, dessen Zeuge Israel am Sinai wurde. Unter den Religionsphilosophen sind es vor allem Maimonides (More Nebuchim 3, ^), Albo (Ikkarim \, 6 und 3, (0), Tresens (Or adonai 3, (—3) und Taspi (in seinem Testament an seinen Sohn), welche den wunderbaren Charakter der Offenbarung, die Unterscheidung zwischen natürlicher und übernatürlicher Religion ablehnen. Aber ich wage die Behauptung, nahezu alle Religionsphilosophen und Bibelerklärer haben das innere Wahrheitszeugnis der heiligen Schrift über die Beglaubigung durch ein äußeres Wunder gesetzt; denn sonst hätten sie ihre „Vernunft" dem „Worte" beugen müssen und hätten kein Wort der

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