Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Grh.-Nat Prof. Ar. Lazarus: Gedanken über „Fikrrates Judentum" 119 6eäanken über „Liberales Iuäentum". Von 6ek.-^at Vrof. Vr. Laearus (Uns „Iren unä frei"). s ist unabweisliche Notwendigkeit, das Judentum gegenüber der Erstarrung, der es durch Jahrhunderte verfallen war — durch eine weise Reform zu verjüngen, damit es in seinen eigenen Grenzen wieder an Lebenskraft, aber auch an der Fähigkeit gewinne, der allgemeinen religiösen, also der höchsten Kultur der Menschheit neue Dienste zu leisten. * Das ist von jeher die Schwierigkeit jeder Reform innerhalb des Judentums gewesen und wird es noch langehin bleiben, eine Autorität herzustellen. Alle Reform innerhalb des Judentums ist verpflichtet, die Gemüter zu gewinnen, die Gesinnungen zu sich herüberzuziehen, die Ueberzeugungen zu pflanzen. Es gibt keine Autorität, niemand hat sie und niemand darf sie haben wollen; denn von jener kleinen Partei, welche etwa behauptet, es gäbe eine absolute Autorität, nämlich die geschriebene: die geschriebene, welche man bloß abzulesen brauche, um zu wissen, was Judentum ist und was Judentum heißt — von dieser Partei reden wir hier nicht; denn dazu braucht man nichts zu beraten, dazu braucht man auch nichts zu sprechen, dazu darf man stumm sein; man braucht bloß mit den Augen zu lesen, was der Schulchan Aruch herunter bis zum Rema und noch späteren gedruckt enthält. Man liest es und man weiß alles, alles, alles. * Aber freilich, die Gemeinden verlangen und auch viele von den Herren, die Beratung, die Verhandlungen müßten praktisch sein. Nun ja, was heißt „praktisch"? In allen Dingen und in religiösen zumeist — je idealer, desto praktischer, Wer Getreide auf seinem Boden hat und recht praktisch es verwerten will, der wird Mehl daraus mahlen und Brot backen, das ist gewiß praktisch, vergleiche damit: Wenn ich Korn in die Erde lege und bis ins nächste Jahr auf Wachstum warte, das ist doch unpraktisch. Wer so praktisch ist, der hat eben keine Ernte im nächsten Jahr zu erwarten. * Wir streben darnach, daß wir auch die Einheit des Judentums Herstellen in allen Phasen und Formen seiner Entwicklung; aber keineswegs auch in allen Hebungen und Satzungen. Wir mögen es wohl ertragen, daß eine Gemeinde etwas einführt von dem, was wir hier empfehlen, und eine andere sich dagegen sträubt; wenn es nur hier ans religiösem Sinn geschieht und dort aus religiösem Sinn nicht geschieht. Auf das Innere müssen wir sehen und nicht bloß auf die äußere Form. * Wie stehen wir Juden denn eigentlich zu dem, was Religion heißt? und wieviel haben wir von wirklicher Religion? und was können und müssen wir tun, um sie wieder ganz und voll und tief zu erringen? * Unter Religiosität verstehe ich eben diejenige innere Verfassung des Gemüts, nach welcher die Religion, wenn man zu ihr gehört, auch einen wesentlichen, einen höchsten Teil unsers Daseins bildet, an dessen Geil und Gedeihen uns sehr viel gelegen ist. Denjenigen aber, welche meinen, daß sie, weil sie am Buchstaben festhalten, eigentlich berufen und im Stande seien die Religion zu konservieren, müssen wir immer wieder Zurufen, daß sie im Sinne der Propheten der wahren Religion entbehren.