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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 118 (sequence 22)
Language
German
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118 Edward U. Calisch: Heber das europäische Judentum welche die Lage des gebildeten Zuden erschweren und viele der schwächeren zur Kirche treiben. Die Tyrannei der Synagoge, die sich darin zeigt, daß sie sich weigert, irgendwelchen Fortschritt anzuerkennen oder den Gottesdienst den Ansprüchen moderner Zustände anzuxassen, ist eine Folge der Verzagtheit des offiziellen Judentums. Die lähmende Furcht vor den Folgen treibt es dazu, sich hinter zeremonielle Schanzen zu flüchten und sich hartnäckig zu weigern, in die Arena moderner Anschauungen herauszutreten; sie ist es, welche das denkende Element zu dem einen oder anderen Extrem treibt — entweder zur vollständigen Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit, von wo es nur eines kleinen Schrittes bis zum Abfall bedarf — oder zur Pseudoromantik des Zionismus. Ich habe bereits erwähnt, daß die Lage in England eine bessere ist. Aber die „United Synagogue" ist eine engherzige Körperschaft, deren Konservatismus, milde gesagt, noch unbeweglicher ist, als der britische Konservatismus im allgemeinen; trotzdem herrscht in England ebenso große bürgerliche und geistige Freiheit, wie in Amerika. Der Geist jedoch, der Zsaac Disraeli aus der Bevis Marks Synagogue trieb, ist bei den englischen Juden noch nicht ganz ausgestorben, und das offizielle Judentum ist dem Zug der Zeit so unzugänglich, wie seine Glaubensgenossen auf dem Kontinent. „The Mest London Synagogue" ist so weit reformiert, daß eine Grgel und ein gemischter Thor eingeführt wurde. Mit Ausnahme des Gebetes für die königliche Familie, ist der Gottesdienst hebräisch. Die Männer sitzen mit dem Tallis bekleidet und bedeckten Hauptes, im Schiff der Synagoge, die Frauen auf den Galerien. Trotzdem würde man dem Rabbiner dieser „reformierten" Synagoge nicht gestatten, in irgend einer Synagoge, die dem Lhief Rabbi unterstellt ist, zu predigen, oder in irgend welcher Eigenschaft zu amtieren. vor einigen Jahren wurde eine Reformbewegung von einer Vereinigung „The Zewish Religious Union" eingeleitet. An der Spitze standen einige der größten Denker und Führer der englischen Zudenheit. Sie hat jedoch keinen großen Fortschritt gemacht, obgleich es ein untrügliches Zeichen ihrer Stärke ist, daß sie fortexisiiert. Ihre Schwäche liegt darin, daß die Bewegung - außerhalb der Synagoge steht, und die Schwäche der Synagoge zeigt sich in der Tatsache, daß sie den Zuständen und dem Geiste, der die Bewegung möglich machte und sie ins Leben rief, keine Beachtung schenkt. Es wird eine Glücksstunde werden, wenn sie dies tut. Hätte die römische Kirche auf Martin Luther gehört, so hätte es keine protestantische Revolution gegeben. Die Kirche hätte sich von innen heraus reformiert. Gerade das hat die amerikanische Synagoge vollbracht. Die europäische Synagoge müßte es ihr nachtun und z w ar sofort. Anm. der Redaktion: Möge der Appell des Verfassers, dessen ergreifende Schilderung das westeuropäische Judentum zur Selbstbesinnung rufen sollte, überall gehört werden. Hier in Frankfurt a. M. hat die Empfindung von der Unbaltbarkeit der heutigen Zustände schon vor mehreren Zähren dazu gesiihrt — z. T. auf Anregung des seligen Rechtsanwalt plotke — einen modernen Gottesdienst einzurichten, welcher bei voller Anlehnung an den geschichtlichen Gebetkultus die Dauer des Gottesdienstes verkürzt, der deutschen Sprache einen breiten Raum im Gebet einräumt und den Frauen und Mädchen ihren Platz neben den Männern im Hauptraum der Synagoge zuweist. Mir werden demnächst ausführlich von der Einrichtung dieses Gottesdienstes berichten. Das Gebetbuch, einstweilen erst für Neujahr und versöhnungstag fertig vorliegend, (Neues Gebetbuch für Neujahr und Versöhnungstag, bearbeitet von Rabbiner Dr. T. Seligmann; als Manuskript gedruckt) steht Allen, die fich dafür interesfieren, gerne zur Verfügung.

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