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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 117

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 117 (sequence 21)
Language
German
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Edward U. Califch: Uebrr das europäische Judentum 117 Jahren seitdem Napoleon das Sanhedrin berief, um ihre Organisation festzustellen, begegnete, ist der Bruch der französischen Negierung mit dem Vatikan und die Auflösung des Konkordats. Die Trennung von Kirche und Staat hat die Synagoge — gleich der Kirche — dahin getroffen, daß sie dieselbe der Botmäßigkeit und der Unterstützung seitens des Staates entzog und sie auf eigene Füße stellte. Besitzt sie nun nicht Lebensfähigkeit genug, um unabhängig zu bestehen, so verdient sie den Untergang. Aber die dem Judentum innewohnende Kraft zeigt sich bereits dadurch, daß in Paris eine gut entwickelte Neformbewegung entstanden ist — bis fetzt zwar nur außerhalb der Synagoge — die jedoch zweifelsohne im Laufe der Zeit die geistlichen Autoritäten beeinflußen und deren Augen der Notwendigkeit öffnen wird, die Synagoge zu modernisieren, so daß sie die intelligenten und gebildeten Personen anzieht, anstatt sie abzustoßen. Die Zustände in Holland sind wirklich zum Erbarmen. Das kleine tapfere Holland war die erste Stätte religiöser Toleranz und Freiheit, der Hafen in den sich die verfolgten Juden anderer Länder flüchteten, und wo sie Schutz fanden, Heute ist niemand so engherzig und so unduldsam, wie die offiziellen Synagogenoberhäupter der verschiedenen holländischen Gemeinden. Ich glaube, wenn sie es wagen dürften, wären sie wirklich imstande, einen Spinoza mit dem Bann zu belegen und einen Uriel Acosta zu demütigen. Das Resultat ist, daß der intelligente und gebildete Teil der Gemeinde sozusagen der Synagoge entfremdet ist. Ich sage dies mit um so größerem Bedauern, als Holland das Land meiner Vorfahren ist. Kleines Vaters Familie hat viele Generationen hindurch in Amsterdam gewohnt. Geistig und gesellschaftlich standen sie während der drei letzten Generationen auf hoher Stufe. Sie waren Journalisten, Professoren, Dichter, Maler, Lexikographen, Advokaten 2c. Auch im Gemeindeleben waren sie hervorragend tätig. Die fetzige Generation aber hat sich fast ganz von der Synagoge losgelöst, und die Heranwachsende steht ihr so fern, wie es ohne vollständigen Abfall vom Glauben nur möglich ist. Sie sagten mir, daß sie keine Ausnahmen bildeten, sondern daß sich ihr ganzer Freunde- und Bekanntenkreis in ähnlicher Lage befände, und daß der Abfall sich nicht nur auf eine einzelne Klasse beschränke. Um ein greifbares Beispiel zu geben: Die Diamantenindustrie in Amsterdam ist fast ausschließlich in jüdischen fänden, nicht nur die Händler und Fabrikbesitzer sind Juden, nein, auch die Arbeiter, Diamantenschneider und Schleifer sind zu 75<yb Prozent Juden. Am Jom-Kippur schließen eine oder zwei der großen Fabriken. Die Arbeiter benutzen den freien Tag für ihr Iahresfest, ihr Zunftpicknick. 75 0/0. dieser Arbeiter sind, wie gesagt, Juden. Es sind geschickte, erstklassige Handwerker, die hohe Löhne verdienen und Intelligenz besitzen. Und dies ist ihre Stellungnahme zur Synagoge. Für diese Männer kann man nicht die gleiche Nachsicht walten lassen, wie für die angekommenen Einwanderern der Ghetti unserer Großstädte, die sich ähnlicher Vergehen schuldig gemacht haben. Letztere vergessen sich und arten aus, wenn sie die reine Luft amerikanischer Freiheit, anstatt der verpesteten Atmosphäre der Verfolgung in ihre Lungen einatmen und verwechseln die Zügellosigkeit mit der Freiheit. Die Ersteren leben in einer bürgerlichen Freiheit, die der unsrigen fast gleichkommt. Ihre religiöse Entartung ist auf Tyrannei der Synagoge und nicht der bürgerlichen Zustände zurückzuführen. In Deutschland und Oesterreich wird das Nichtvorwärtsschreiten des Gemeindelebens durch die sozialen Verhältnisse gefördert,

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