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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 116 (sequence 20)
Language
German
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116 Edward U. Calisch: Nedrr das europäische Judentum sam mit weitgeöffneten Augen und glaubenshungrigen Kerzen, und märchenschön und jugendfroh kam ihnen die Religion entgegen und gab ihnen alles, alles, was sie brauchten für ihre Seele: Glück und Liebe und Hoffnung. Zögernd, langsam kamen auch die Großen; die Rinder nahmen sie an die bsand, „komm' mit uns, Vater, komm' mit uns, Mutter, zur Religion, sie ist schön wie der junge Tag und macht uns froh und gut." So habe ich gerungen und gestrebt; aber in dunklen Stunden, wenn ich die Stumpfheit sah und den Lsaß, die rings wie Feinde lagerten, kam Zweifel über mich, und ich ward müde. Ich frage Dich nicht, wird mein Werk vollendet werden; denn mein Werk ist lebendiges Streben und nicht totes Besitzen, vorwärt sschreiten und nicht Stille stehen, ewiges Werden und niemals Vollenden. Wird der ewige Meister der Welten mein unvollendet Werk gnädig anschauen? Bangen ergreift mich vor seinem Urteilsspruch!" Und der Prophet Elia sprach: „vier Seelen haben gesprochen, und zwiefach ist die Antwort. Gott ist die Liebe, und er will nicht, daß sich die Menschenkinder hassen unter einander, und keiner vermeine, er tue recht allein, und nur er sei fromm und gerecht vor Gott. Darum wehe Dir, Du eifernde Seele und heil Dir Du Milde, die Du verstehende Liebe gewährt! Und Gott ist die Wahrheit. Aber Du, treulose Seele, hast die Altäre des wahrhaftigen Gottes verlassen. Du hast Dich mit Lüge befleckt, darum wehe über Dich, Du wirst Gottes Angesicht nicht schauen. Du aber strebende, ringende, kämpfende Seele, heil Dir! Des Menschen ist das Streben, Gottes ist die Erfüllung. Also sprach der Prophet Elia. Über das europdifche Judentum. Referat van Gdroard R. Califch, Rabbiner der Gemeinde Beth Rhabah-Richmond. Rus „B’nay B’rifh Recos“ vam 10. Okf. 1908, ins Deuffche übertragen van Rdeline Hirfch-frankfurt a. IR. elbst auf die Gefahr hin, den Europäern gleichgestellt zu werden, die auf vierzehn Tage herüberkommen, dann nach Hause fahren und ein Buch über Amerika schreiben, will ich Ihrer Bitte Folge leisten und Ihnen meine Eindrücke über das religiöse jüdische Leben in Europa geben. Wenn man hastig von Land zu Land reist, kann man auf Gründlichkeit der Details keinen Anspruch machen, aber das, was ich sah und hörte, und was ich durch Umfrage und Unterhaltung erfuhr, ist wahrheitsgetreu und repräsentiert, wie mir scheint, allgemeine Symptome des europäischen jüdischen Lebens. Das europäische Judentum ist durch Zeremonien fast erdrückt. Ich habe in England, Holland, Belgien, Frankreich, Deutschland, Böhmen und Oesterreich dem Gottesdienst beigewohnt. Ich habe überall maßgebende Synagogen aufgesucht und fand fast überall die oberflächliche Ausübung zugeteilter Aufgaben durch offizielle Beamten, welche auf mich den Eindruck machten, als ob sie dieser Aufgaben müde wären. Es herrscht eine geistige Teilnahmlosigkeit — eine Gleichgültigkeit während des verrichtens der Gebete, die mich glauben ließ, ich stände am Totenbette einer Religion. Die Zustände in. England sind besser, und auch in Frankreich fängt man an, einen kleinen Fortschritt zu merken. Das Beste, was den französischen Juden in den hundert

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