Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Aeate Mann: Me vier Seelen vor Lee Oimmelspforte Suchet sie zu begeistern für Euer Streben, schicket ihnen Eure besten Redner, machet ihnen klar, welche ungeheuren Einfluß sie besitzen, mahnet sie an ihre Pflichten gegen die Allgemeinheit, deren Erfüllung sie erst stark machen wird zum Ertragen der tausend Kleinlichkeiten, die den Alltag des Weibes zu einer drückenden Last zu machen drohen, zeiget ihnen das große Ziel, die Mission, die ihnen obliegt, durch sich selbst, durch ihre Rinder fortzuwirken, diese zu begeistern für Wahrheit, Schönheit und. Güte, für Fortschritt, für Zweckmäßigkeit. Und Ihr werdet ein Schauspiel seltener Art erleben: Ihr werdet die jüdischen Frauen nicht nur zu neuer Menschenwürde, sondern auch zu Bannerträgerinnen Eurer Reformbewegung erweckt sehe::. Ihr werdet in ihnen opferfreudige, begeisterungsfähige Mitarbeiterinnen finden, deren unverbrauchte, jungen Kräfte Eurer Sache tausend Diensto leisten dürften. Erlöset sie, ihr Führer der jüdischen Reformbewegung, aus tausendjährigem Dornröschenschlaf zu frischer, froher Mitarbeit an Eurem segensreichen Werke! Oie vier äeelen vor öer tiimmel5pforte. km Märcüen kür große Leute. Von 6eate Mann. ier abgeschiedene Menschenseelen wunderten auf der bsimmelsstraße hinauf zum lieben Gott, und der Weg war gar weit und beschwerlich. Durch schweigsame Einsamkeiten, über öde Felsen, über glitzernde Gletscherfirnen mußten sie wandern, immer höher, immer höher, bis endlich der lichte Aether sie empfing, und sie frei schwebten im unendlichen Himmelsraum. Und dann sahen sie sich auf einmal auf der blauen Himmelswiese, die war mit leuchtenden Sternblumen übersäet, und mitten auf der blauen Wiese stand die goldene Himmelsleiter, auf der stille, heilige Engel in weißen Gewändern auf und niederstiegen, und die goldene Himmelsleiter führte geradeswegs hinein in den Himmel zu Gottes Thron. Aber der Himmel war verschlossen mit heiligem Siegel, das bewachte der Prophet Elia, der fuhr auf feurigem Wagen um das Himmelstor, und sein weißer Bart wallte hinab bis zur Erde. Er sah die vier Seelen und fragte sie: „Was ist Euer Begehr?" „Wir wollen in den Himmel," antworteten die vier Seelen. „Und was ist Euer verdienst, das Euch würdig macht, vor dem Angesicht des Heiligen, gelobt sei Er, zu erscheinen? Sagt an, wa^ war Euch das Wertvollste auf der Welt, wofür Ihr gelebt und gestrebt habt?" Da schwiegen die vier Seelen lange, und ihr ganzes Lieben glitt wie ein Bild vor ihnen vorüber, und dann begann die erste Seele und sprach: „Im frommen Glauben wandelte ich vor Gott all' meine Lebtage. Heilig waren mir die göttlichen Gebote, und ich selbst bin nicht von ihnen abgewichen, und ich habe Halt und Trost im Leben durch sie gefunden. Aber ach, ich war ein schwaches Weib, und das Leben da draußen war stärker als ich, und meine Kinder wollten es besser wissen als ich. Sie gingen ihre eigenen Wege und sprachen: Wir wollen nicht mehr mit verbundenen Augen im Paradiese Deines kindlichen Glaubens wandeln, wir wollen lieber vertrieben sein aus dem Paradiese, aber sehen, erkennen und leben. Und wir verstanden uns nicht mehr und wir gingen beide, sie und ich, andere Wege; aber ach, geliebt habe ich sie dennoch mit derselben heißen Mutterliebe, wenn sie auch abgewichen sind von all' den teuren, göttlichen