Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 113 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Herrmmce Metzger: Jüdische Frauenbewegung 113 mutter von den Zeiten erzählt, da Männer und Frauen gesondert im Gotteshaus saßen, da endlos lange, unverständliche hebräische Gebete an ihren Vhren vorüberrauschten, ohne Spuren zu hinterlassen, ohne zu ihren Herzen zu dringen, da Neid, Eifersucht, Klatschereien den Stoff für die Gespräche gab, welche aus mangelnder Andacht mit Vorliebe von Frauen und Männern zum Zeitvertreib im Tempel geführt wurden. — Und denke dir, mein Kind, wird die Zukunftsahne der aufhorchenden Enkelin berichten, damals mußte ich Deinem Vater, der mit Vorliebe den naturgeschichtlichen Unterricht in der Schule verfolgte, die Antwort schuldig bleiben, weshalb wir Juden noch eine Zeitrechnung ab Erschaffung der Welt besäßen mit wissentlicher Nichtachtung aller wissenschaftlichen Beweise. Damals — merke auf — gab es im hebräischen Gebetbuch zwei gleiche, aber für jedes Geschlecht anders gefaßte Segenssprüche. Der für Männer bestimmte lautete: Gelobt seist du Gott, unser Herr, König der Welt, der mich nicht zum Weibe geschaffen. Der Frauenspruch lautete: Gelobt seist du Gott, unser Herr, König der Welt, der mich nach seinem Wohlgefallen erschaffen. Die Enkelin wird auf springen: und das hat die jüdische Frau, die jüdische Mutter so widerspruchslos über sich ergehen lassen, sie, aus deren Schoß der Mann erst zum Licht der Welt gebrächt werden muß! Unbegreifliche Langmut! Du hast mir's erzählt: einen Aufruf haben damals deutsche Juden ergehen lassen an ihre Stammesangehörigen zur Erhaltung des Glaubens ihrer Väter, und die Träger der Reformbewegung waren nur Männer, nicht auch Frauen? Kurzsichtige Generation! Wußte sie nicht, daß auch Frauen unendlich empfänglich sind für Eindrücke, die von außen kommend, in ihrem Innern schon lange glimmend, nur des Weckrufs bedürfen, der die Flamme entfacht, wenn es gilt, ihre Persönlichkeit einzusetzen für ideale Güter? Großmutter, gab es in jener Zeit nur zielbewußte Männer? Nicht auch Frauen, die mehr als Haushälterinnen, die verständnisvolle Beurteilerinnen der männlichen Bestrebungen waren? Hast Du nicht selbst nach der blauen Blume, der Erreichung des Ideals die Hände emporgestreckt, hattest auch Du keinen Teil an jener Neformbewegung? So die Zukunftsenkelin. Und die Frauen von heute? Sollten sie sich nicht zu einem Teile wenigstens der Macht bewußt sein, die sie besitzen, das Gute auf Erden zu fördern, dem Fortschritt zu seinem Rechte zu verhelfen? Wem sind die Seelen unserer Jugend anvertraut? Wer vermöchte besser als die Mutter in dem Kinderherzen den Funken der Religiosität zu | entzünden, sei es auch nur mit dem demütig nachgestammelten Bekenntnis: „Wer darf ihn nennen?.Der Allumfasfer, der Allerhalter. Faßt und erhält er nicht dich, mich, sich selbst? Wölbt sich der Himmel nicht dadroben? Liegt die Erde nicht hierunten fest? .... Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!" Das Kind, welches in diesem Sinne religiös beeinflußt wurde, kann unmöglich später, da es zum Jüngling, zur Jungfrau herangereift, ohne Weiteres, nur um materieller oder sozialer Vorteile willen, einen Glauben ab schwören, der ihm der Inbegriff natürlicher Sittlichkeit geworden ist. Und um dieser Macht willen, die noch lange nicht genügend gewürdigt werden wird, weil in dem Schoß der Frau verborgen das Schicksal endloser ungeborener Generationen schlummert, wendet Euch, Ihr Führer, an die Frauen in Juda.