Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. MaX Frrndrnthal: Frömmigkeit 111 in allen Konfessionen sichtbaren Kämpfen und Ringen gewiß keinen Schaden gezogen und wird ihn nimmer ziehen, vielmehr wird gerade durch solches Suchen die Anerkennung seiner erhabenen Gottesauffassung sich immer weiteren Kreisen erschließen müssen. Aber auch innerhalb seiner eigenen Kreise sollte man sich dessen immer stärker bewußt werden, daß ein so innerliches Gottsuchen, ein tieferes und reineres Erfassen des Göttlichen, wie es heute ersehnt wird, kein Abwenden von dem jüdischen Begriffe der Frömmigkeit bedeutet. Die heilige Schrift selber kennt keinen anderen Begriff der Frömmigkeit als diesen. F r o m m i st i h r — kurz gesagt — derjenige, der Gott in seinem Herzen fürchtet und mit seinen Sünden Gutes tut! Als Gegensatz zum Thasid stellt sie immer nur die Reschaim auf, die Bösen, die keinen Gottesglauben, kerne Gottesfurcht besitzen, die Rtereim oder poaIe Gwen, die Uebeltäter, die Schlechtigkeiten begehen, und wenn die Bibel von Gott selbst das Wort Thasid gebraucht, so konnte es ihr natürlich nicht in den Sinn kommen, das allerhöchste Wesen damit als den rigorosen Beobachter religiöser Zeremonien, sondern vielmehr als Inbegriff aller ehrfürchtigen Herzensweihe und aller sittlichen Tugenden zu bezeichnen. Sehr zutreffend hat deshalb auch der Talmud den Weg zur Gottesebenbildlichkeit als ein wandeln in den sittlichen Eigenschaften Gottes bezeichnet, und wer wäre frömmer als derjenige, der sich also als rechtes Ebenbild Gottes in seinem Fühlen und handeln erweist! Nun wird freilich gerade eine so tiefe und reine Erkenntnis des Göttlichen zugestehen müssen, daß, wie das sittliche Gefühl in sittliches handeln, auch das religiöse Gefühl in religiöses Handeln sich umzusetzen hat. Die natürlichen Ausdrucksweisen des religiösen Gefühls sind aber die religiösen Formen. Das rechte Gottsuchen wird sich immer ganz von selber zum Gottdienen wandeln. Häusliches Gebet und öffentlicher Kultus werden stets die naturgemäßen Formen der Religion bleiben. Der öffentliche Kultus wird vom häuslichen Gebet untrennbar sein, nicht bloß weil persönliche und sozialgemeinschaftlich gewandte Frömmigkeit ständig ineinander überfließen, sondern auch deshalb, weil der öffentliche Kultus die unablösbare historische Bezeugung alles religiösen Gemeinschaftsgefühls darstellt. Dhne häuslichen und öffentlichen Gottesdien st, ohne Sabbate und Festtage ist historisch das Judentum in der Vergangenheit und inder Zukunftundenkbar; alle anderen religiösen Zeremonien sind für seinen Bestand irrelevant, mit diesen steht und fällt es. An der Bereitwilligkeit, aus dem Berufsleben heraus an solchen unerläßlichen Formen teilzunehmen, läßt sich darum einzig und allein das persönliche religiöse Gefühl abmessen; sie ist die letzte Abmessung für den Begriff der Frömmigkeit. Daß die Kultusformen auch im Einzelnen beide Kennzeichen gleichmäßig in sich vereinigen müssen, den historischen Zusammenhang und eine dem persönlichen religiösen Gefühle entsprechende lebendige Ausdrucksweise, ist so selbstverständlich, daß eine nähere Betrachtung darüber sich hier erübrigt; höchstens wäre der Hinweis angebracht, daß im jüdischen Kultus die historische Form bisher das weitaus überwiegende Element war und ohne Schaden für das Ganze noch einen guten Strich ihres weitgedehnten Gebietes zur Erweiterung des Nachbargebietes, des lebendigen persönlichen Empfindens, abtreten darf, wir lehnen das Historische in der Religion durchaus nicht ab, denn es läßt sich in ihr noch viel weniger ablehnen als auf anderen Gebieten menschlichen Denkens, Füh-