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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 110 (sequence 14)
Language
German
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110 Ar. Mar Freudenthal: Frömmigkeit unermüdlicher Aufopferung Männer von ausgesprochenen! religiösem Liberalismus stehen, und es wäre köstlich, wollte die starre Grthodoxie wirklich von diesen Männern, die aus ihrem Berufsleben heraus sich in so vorbildlicher weise freiwillig und bereitwillig in den Dienst des Judentums stellen, nach wie vor behaupten, sie hätten sich selber außerhalb des Judentums gestellt. Wir setzen dieser Behauptung die andere entgegen, daß sie nicht bloß Juden, nicht bloß gute Juden sind, sondern daß sie sogar mit zu jenen „Fromme n" gehören, die i n ihrem Glauben und für ihren Glauben leben. Es ist gewiß nicht die Frömmigkeit nach früheren Begriffen, die, sich in sich selber tiefer und tiefer einspinnend, so trefflich zu dem Bild der abgeschlossenen Iudengassen stimmte. Aber wie man in der Iudengasse einen jeden, der als G l a u b e n s z e u g e für Israel sich opferte, in übertragener Bedeutung einen Radosch, einen heiligen, nannte, selbst wenn er in seiner Lebensführung alles nur kein heiliger gewesen, so würde auch nichts dem entgegenstehen, in unseren Tagen einen jeden, der also in seinem Tun und Streben für seinen Glauben Zeugnis ablegt, in übertragenem Sinne einen Thasid, einen Frommen, zu nennen, selbst wenn er es im landläufigen Sinne des Wortes nicht ist und gar nicht sein mag. Dieser sozial gewandten Religiosität darf freilich der persönliche Ginschlag religiöser Gesinnung nicht gänzlich fehlen. Verständigerweise kann er ihr auch gar nicht fehlen. Das Eintreten für das Judentum wäre ja sinnlos, wenn es nicht aus dem Glauben an seine religiösen Ideale fließen, wenn es nicht in der Ueberzeugung wurzeln würde, daß die Lehre Israels eine berechtigte und segensreiche religiöse Macht im bisherigen Leben und in der künftigen Geschichte der Menschheit darstellt. Selbst wer bei seiner Dienstwilligkeit hauptsächlich von dem allgemein menschlichen, politischen oder sozialen Interesse geleitet würde, dieser religiösen Macht so gut wie anderen in der Geffentlichkeit freie Bahn zu schaffen, könnte als Jude sich den religiösen und sittlichen Idealen des Judentums nicht entziehen. Der religiöse Liberalismus, den wir vertreten, darf nicht mit irreligiösen oder auch nur freireligiösen Strömungen verwechselt werden. Gr fordert, daß der Einzelne auch sein persönliches Leben den religiös-sittlichen Anschauungen des Judentums unterordne und seine ganze Lebensführung durch sie beeinflussen lasse. Dies wird aber um so stärker geschehen, je tiefer und reiner die Erkenntnis dieser idealen Mächte und des religiösen Wesens überhaupt in ihm sich durchringt. In dieser tiefen und reinen Erkenntnis und der von ihr beeinflußten schlichten und geraden Lebensführung vollendet sich im Sinne des Maimonides und auch in unserem der wahre Begriff der Frömmigkeit, bsier wird im Gegensatz zum vulgären Denken die Religion viel mehr als eine innere Lebensmacht denn als eine äußerliche Bekundung bewertet werden. Die höchste Idee des Judentums der zuversichtliche Glaube an den einig-einzigen Gott, wird ihr als das wichtigste Erfordernis aller individuellen Religiosität erscheinen. Gott suchen — ganz im Sinne der Bibel — in allen Lebenslagen, aus ganzem Kerzen und ganzer Seele heraus, als etwas rein Individuelles, ohne Rücksicht auf die äußere Form, ist eine Rundgabe der Frömmigkeit, die in der Gegenwart nicht abgenommen hat, sondern im Gegenteil Überallinder Menschheit im Ringen um den reinen Gottesglauben und einen tieferen Gottesbegriff stärker geworden ist als je zuvor. Das Judentum mit seiner reingeistigen und universellen Gottesidee hat aus diesem

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