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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 109

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 109 (sequence 13)
Language
German
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Ar. Mar Frendenthai: Frömmigkeit 109 der in freiwilliger Bereitwilligkeit und aus tiefer reiner Erkenntnis heraus sein Leben dem Dienste (Lottes weihe und geraden Weges ohne viele Klügeleien durch das Dasein gehe, dürfe Anspruch auf die höchste Stufe der Heiligkeit erheben und der ewigen Seligkeit versichert sein." Nach diesem Grundsatz wird also der Lichtschein der Frömmigkeit eines Gottesdieners gewiß nicht wie in einem Spektrum nach seinen „schwarzen" oder „roten" Linien von scharfbewaffneten Augen untersucht und beurteilt werden dürfen, sondern einzig und allein nach der Bereitwilligkeit, mit der jener sich in den Dienst seines Gottes stellt, und nach der tiefen und reinen Erkenntnis, mit der er ihm in .schlichter Lebensführung näher zu kommen sich mühen wird. Sollten diese Anforderungen aber nicht auch zugleich als Maßstab für die Frömmigkeit derer angewendet werden dürfen, die ihr Leben nicht ausschließlich dem Dienste Gottes weihen können, sondern einem weltlichen Berufe nachgehen müssen, derer, die nicht ständig im Ewigen leben, sondern aus dem Irdischen nur immer wieder von Zeit zu Zeit zu ihm zurückkehren können? Die Bereitwilligkeit, aus dem Berufsleben heraus sich in den Dien st der Religion zu stellen, das Streben nach immer tiefe rer und reinerer Erkenntnis, Anbetung und Verehrung des Göttlichen, schlichte und einfache Lebensführung, die sich von allen — auch religiösen — Extravaganzenfrei hält, — die Vereinigung dieser Grundsätze würde einen auch unserem modernen Empfinden adäquaten Begriff der Frömmigkeit ergeben, der ihn freier und doch zugleich tiefer gestalten würde als der landläufige, aus der traditionellen Frömmigkeitsübung geschöpfte, zu dem sich am allerwenigsten liberal denkende Männer gedankenlos bekennen sollten. Uns muß die Bereitwilligkeit, aus dem Berufsleben heraus sich in den Dienst der Religion zu stellen, in der Tat als die erste und als eine wahrhafte Bekundung echt frommer Gesinnung gelten. Diese religiöse Dienstleistung kann für ein zweifaches Gebiet gefordert werden: für die religiösen Interessen des Individuums selber und für diejenigen der religiösen Gesamtheit, der es angehört; sie foll der Persönlichkeit und der Gemeinschaft zugute kommen; sie muß sich in der Teilnahme an sozialen Aufgaben und in e i g e n e r Religiosität bekunden. In der Gegenwart mit ihren schweren sozialen Aufgaben auch innerhalb der religiösen Gemeinschaft — ganz besonders schwer inmitten des Judentums — hat sich die Betätigung des frommen Sinnes von selber viel stärker auf dies Gebiet geschoben und das persönliche zurücktreten lassen. Die Frömmigkeit ist nicht geschwunden, die Art ihrer Bekundung ist nur eine andere geworden. So auch im Judentum und hier erst recht; die im persönlichen Leben geübte Frömmigkeit ist gegen früher allenthalben stark zurückgegangen, die sozial gewandte um so gewaltiger gestiegen. Das „Sondre dich nicht ab von der Gemeinschaft" ist in unserer Zeit mehr als je die Triebfeder für die religiöse Betätigung und zwar gerade unter den liberalen Juden viel stärker als unter den orthodoxen. Mn der großen allgenieinen Sache halber und nicht um des eigenen Selbst willen mit gesammelten Kräften an der Erhaltung und Förderung des Judentums mitzuschaffen, das ist heute für so viele unter uns der angemessenste Ausdruck ihrer religiösen Gefühle, ihrer Frömmigkeit geworden. Es ist kennzeichnend, daß an der Spitze der großen jüdischsozialen Organisationen in Deutschland als treibende Elemente voll

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