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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 Ar. Mar Frrrrdrnthal: Frömmigkeit heben, ein Frommer genannt zu werden,? der in seinem Glauben lebt, vorausgesetzt, daß er überhaupt Wert darauf legt, seine Amtsführung und seine Wirksamkeit in der Gemeinde nach dein Maßstab zeremonieller Frömmigkeitsübung beurteilt zu wissen. Wie der Talmud, so hat auch der größte Gesetzesschriftsteller des Judentums, Moses Maimonides, ins einem bedeutenden, auf streng traditioneller Grundlage aufgebauten Gesetzeswerk Mischneh Thorah sich über den Begriff der Frömmigkeit mehrfach ausgelassen. Schon gleich am Anfänge, wo er einleitend die grundlegenden Begriffe des Judentums darlegt, spricht er sich über die Frömmigkeit aus, freilich mehr als Philosoph, denn als Gesetzeslehrer. Gr unterscheidet zwischen dem Weisen und dem Frommen; weise ist ihm derjenige, der stets den Mittelweg innehält — nach aristotelischem Vorbild —, fromm derjenige, der vom Mittelweg den Weg des Guten bis zur äußersten erreichbaren Linie abbiegt. Diese Definition der Frömmigkeit gibt auf der einen Seite zu wenig und auf der anderen zu viel. Sic denkt offenbar vor allem an die sittlichen Tugenden und ist darum zunächst eine mehr ethische als spezifisch religiöse. Nun ist freilich — und die Propheten haben das oft und scharf genug betont — nach jüdischen Begriffen Sittlichkeit die selbstverständliche Voraussetzung aller Frömmigkeit. Eine sittlich auch nur gleichgültige, geschweige denn anfechtbare Frömmigkeit ist Gott und den Menschen gegenüber eine Lüge. Sie bedeutet aber auch eine Gefahr für den Kultus selbst; sie zeigt, daß er nicht fähig ist, den Charakter selber zu beeinflussen, ihn sittlich zu stärken und zu reinigen, und sie kann dadurch zu einem Lhillul Ha-Schem werden, zu einer Entweihung Gottes und des seinen Namen tragenden religiösen Bekenntnisses. Dennoch ist das Judentum kein bloßes System ethischer Kultur, sondern ein religiöses Lehrgebäude, eine „GoLteste h r e" in h i st o r i s ch ausgeprägter F o r m. Rein ethische Definitionen religiöser Probleme erschöpfen darum nicht den Lehrinhalt unseres Glaubens. Auf der anderen Seite würde aber auch eine Forderung, wie sie Maimonides in jener Erklärung der Frömmigkeit aufstellt, vorn Gebiet der Ethik auf dasjenige des Glaubens und der religiösen Kultusübung übertragen, unseren Anschauungen durchaus widersprechen. Die Religion darf nicht — so wenig übrigens wie die Ethik — in einem Verzicht auf die Anforderungen des Lebens, im Verlassen des weisen Mittelweges, im Abbiegen zu den letzten rücksichtslosen Konsequenzen das höchste und reinste Ziel menschlichen Strebens erblicken. Unser Judentum muß uns eine Macht i m Leben, nicht wider das Leben bedeuten, muß eine Herrscherin sein, die unser irdisches Sein lenkt und leitet, nicht aber knechtet und entrechtet. Es soll gerade eine Stetigkeit und Gleichmäßigkeit in dieses Sein legen, die vor allen Extremen bewahrt und immer wieder den rechten Ausgleich zwischen den verschiedensten Gegensätzen gewinnen läßt. Darum muß auch der Fromme den Mittelweg innehalten. Eine Frömmigkeit, die bis zu den alleräußersten Grenzen in ihrer Betätigung abbiegt, drückt das Leben nieder, statt es zu heben, wird zu einer seelischen Bürde statt zu einer frohen, seelischen bsarmonie, zu einer Last statt zu einer Labe auf der Lebenswanderung. Einen ganz anderen Ausblick auf dieses Frömmigkeits-Problem gewährt eine zweite, den Abschnitt über das Erlaß- und Jobeljahr abschließende Bemerkung des Maimonides. Er erörtert dort die Sonderstellung des Stammes Levi bei der kanaanitischen Bodengesetzgebung und schließt mit den feinsinnigen Worten: „nicht bloß der Stamm Levi, sondern jeder Mensch, wer es auch sein möge.

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