Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. Mas Freudrnihal: Frömmigkeit 107 Judentum ablegen und zur Belebung und Erhaltung des jüdischen Glaubens bis in spätere Geschlechter hinaus ihre Brüder und Schwestern aufrufen, den Anspruch Juden zu sein verwirkt haben sollten, weil sie die Anforderungen, welche die praktische Religionsübung heutzutage erheischt, mit anderem Maßstabe bemessen als die Anhänger der unveränderlichen Tradition. In den großen Schichten der jüdischen Gesamtheit weiß man es zu gut, daß solche Differenzen das Wesen des Judentums selber nicht berühren. Dort herrscht unerschütterlich und unbegrenzt die Ueberzeugung, daß jeder, der, als Jude geboren, sich mit Bewußtsein zu seiner Geburtsreligion und deren Fundamentallehre vom einig-einzigen Gott bekennt, allezeit ein Jude ist und bleibt, und es erscheint dieser großen Blasse unserer Glaubensgenossen als etwas ganz Selbstverständliches, daß schon im Talmud ihre Ueberzeugung die Form fester religionsgesetzlicher Grundsätze angenommen hat. Selbstverständlich ist ihnen, „wer nur den Götterdienst verleugnet", ein Israelit; selbstverständlich bleibt ihnen, „auch wer sündigt", ein Israelit. In der Tat kann man nur den lehren und dem lebendigenGeiste Israels zum Trotz den Versuch machen, religiöse Verschiedenheiten innerhalb des Judentums immer wieder mit der Formel „Jude oder Nichtmehr-Iude" bekämpfen oder gar lösen zu wollen. In Wahrheit ist in den Augen der großen Menge das Schibolet zwischen den beiden divergierenden Richtungen im Judentum ein ganz anderes, nämlich der Begriff der Frömmigkeit. Der Orthodoxe gilt als der fromme Jude, dem Liberalen erkennt man dies ehrende Beiwort nicht zu, er gilt schlechthin als Jude, oft als guter Jude, nie als f r o m m e r Jude. In liberalen Kreisen selber ist solche Unterschiedlichkeit gang und gäbe; sogar diejenigen, die nicht bloß die äußeren Formen, sondern auch deren inneren wert mißachten, bewegen sich zumeist in der vulgären Anschauung, daß Frömmigkeit ein ausschließlich der orthodoxen Lebensführung zukommendes Vorrecht sei. Sie verteidigen gerne das Recht des Liberalen, ein guter Jude zu sein; aber der Orthodoxe erscheint auch ihnen, wenn auch nicht als der bessere, so doch immerhin als der frömmere Jude. Das sind Anschauungen, die jedoch dem Begriff der Frömmigkeit im Judentum selbst zuwiderlaufen. Sie erheben, da ja auch unter den liberalen Juden sich zahlreiche treue Anhänger religiöser Formen finden, den Maßstab der Zahl zum Gradmesser der Frömmigkeit: je m e h r religiöse Formen einer übt, desto frömmer ist er, wer die meisten übt, der Frömmste! Eine solche Veräußerlichung des Begriffes der Frömmigkeit muß im Namen des Judentums mit Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Der Talmud selber hat mit dem Grundsatz: „Der eine mehr, der andere weniger, wenn nurdasLserzaufGottgerichteti st," für die Bewertung der rechten Frömmigkeit nicht das äußere Maß, sondern die innere Gesinnung als ausschlaggebend bezeichnet. Noch schärfer wendet er sich gerade gegen das Hineinziehen des Zahlenprinzips in das eigentlich religiöse Gebiet mit jener bekannten Auslegung, in welcher die 6^3 Ge- und Verbote der Bibel zuletzt zurückgeführt werden auf die eine Satzung, die keine ist: „Der Fromme lebt in seinem Glauben", er ist also nicht fromm durch das voll ausgefüllte Maß der j)flichtgebote, er betätigt vielmehr seine Frömmigkeit in seinem Glauben und diesen wiederum in seiner ganzen Lebensführung. Darum darf z. B. auch der liberalste Theologe, der im Maß der Beobachtung religiöser Zeremonien weit hinter einem orthodoxen Rabbi zurückbleibt, mit vollster Berechtigung den Anspruch darauf er-