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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 105

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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o o o o Ar. Th. Lesftng: Jüdische Lebensfragen 105 Freilich verschärft sich damit die eben hier in Rede stehende Gefahr: führt die Eingabe an das Menschheitsinteresse nicht zum Aufgeben der h i st o r i s ch e n Religion? Läßt sich das Bewußtsein des Juden als Juden darauf begründen, daß er sich als Träger der Menschheitsethik fühlt? Das war von jeher der schwierige Konflikt im Judentum. Es wirkte in ihm eine „zentrifugale Tendenz" . . . Der „liberale Jude", der große wichtige Stücke des Rituals aufgab, steht auch heute wieder vor der Versuchung des inneren Abfalls vom Judentum, aber er steht nur darum vor dieser Gefahr, weil er den Sinn und das eigenste Wesen seiner Religion nicht erfaßt. Tr sieht nicht, daß es grade der gewaltige Vorzug und die Stärke einer rein geistigen, rein „monotheistischen" Religion ish daß sie sich von Boden und Nation, von äußerer Sitte und Politik, von Zeit und Geschichte vollkommen emanzipiert und sich immer mehr zu einer reinen Seelenmacht ausgestaltet, die zwar in Volk und Geschichte v e r w u r - zelt ist, nicht aber in diesen zufälligen und zeitlichen Dingen ihren Sinn hat, sondern um mit Thasim Steinthal zu sprechen, „das Reich der Vernunft anstelle zeitlichen Zufalls begründet." 3. Ls liegt heute bleierner Pessimismus auf so vielen Juden! Sie glauben sich selber aufgeben zu müssen, weil sie sich „nicht mehr als Juden fühlen". Aber sie suchen das Zudesein am falschen Ende. Sie suchen es in den Satzungen der Gesetzesfolianten, in Vorschriften und Gebräuchen des synagogalen oder häuslichen jüdischen Lebens. Alles das sind sicherlich gewichtige handhaben der Lebensführung, wichtige Entäußerungen und Legalien, etwa im selben Sinn, in dem die Vorschriften des Strafgesetzbuches oder des bürgerlichen Gesetzes wichtige handhaben der Ethik sind. — Aber | so wenig Jurisprudenz Ethik ist, so wenig machen die Formen jüdischen Lebens den Sinn jüdischer Religiosität aus. — Der Jude, der in irgend einen anderen Religionsverband eintritt, weil ihm dieser oder jener Gestus des jüdischen Gemeindelebens nicht zusagt, wird alsbald zu seiner eigenen Verwunderung wahrnehmen, daß sein Sich- Zude-Fühlen in anderen, viel tieferen Momenten verankert liegt, daß es unabhängig von religiösen Ritualien bestehen bleibt. Dieser rein seelische Charakter des Judentums kommt auch darin zum Ausdruck, daß die Religion keinen „Uebertritt zu anderen Religionen" kennt und anerkennt. — Sie hegt in sich selbst eine so große seelische Spannweite, daß ihr die verschiedensten äußeren Lebensformen, Nationalitäten, politischen und theoretischen Ueberzeugungen zugehören können, wo fern sie nur auf dem Felsen des Gesetzes, das heißt auf einem gemeinsamen moralischen Grundgefühl aufgebaut sind, das sich bald als Pathos der Familie, bald als Pathos der Nation oder der Sozietät historisch entäußert hat. — Nur e i n Moment ist allen diesen verschiedenen Aeußerungsformen jüdischen Bewußtseins stets wesentlich eingeschrieben: religiöser Optimismus. Ein pessimistisches, asketisches, lebennegierendes, himmelsüchtiges Judentum gäbe sich selber auf! — Nicht die Abwendung vom Ritual, n i ch t die Modernisierung des jüdisch-religiösen Lebens, nicht der Modernismus und Liberalismus kennzeichnete Verfallszeiten des Judentums, sondern sein Verfall wird dort beobachtet, wo es die Kraft und Weite seiner Duldung, die Fundierung in seinem großen allgemeinen Menschheitsziel verlor und sich zu einer dem großen Leben abgekehrten Privatreligion, einer historisch bedingten Privatnation verengen will.; Zenes enge Talmud-Thorajudentum, das sich

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