Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Pr. Th. Fesstng: Jüdische Fedensfrugrn Asket) ist der Mensch „nach dem willen Gottes", das Recht, so lehrt die heilige Schrift, soll von Israel kommen und über die Völker brausen, „wie ein gewaltiger Strom Wassers"; das Pathos des Religiösen richtet sich gegen die „Satten", die „Lauen", die im Besitze Erschlafften; es ist die Aufgabe des Juden, in der gegebenen Wirklichkeitswelt das Gute zu vollenden und die jüdische Religion zum Träger des Menschheitsinteresses schlechthin zu gestalten. Dies er optimistischen Geisteshaltung verdankt das Judentum seine Erhaltung, dieser sozialethischen Grundrichtung verdankt unsere Religion alle die großen Möglichkeiten ihrer Dauer und Fortentwicklung. — 2. Daß nun aber ein einzelnes h i st o r i s ch bedingtes Volk sich zum Träger der sozialethischen Interessen des Menschengeschlechts schlechthin macht, daß sich eine überall verstreute entnationalisierte Menschengrupxe als „Gewissen der Völker", als eine von Gott zum „Hüter des Gesetzes" berufene reingeistige Gemeinschaft empfindet — das stellt den Juden vor eine schwere Aufgabe: vor die Aufgabe, diese Eingabe an das „Gesetz für alle" (universalistische Ethik) mit seiner Selbstbewahrung als Jude zu vereinigen. — Das was wir heute gerne mit dem Worte „Liberalismus" umschreiben, liegt schlechterdings schon im Wesen des Judentums. Denn sein Glaube ist ein undogmatischer, ja in gewissem Sinne „unmetaxhysischer" Glaube. Er basiert nicht darauf, daß eine bestimmte Summe von Bewußtseinsinhalten für wahr .anerkannt wird, sondern darauf, daß eine „Lebens st immun g", ein moralisches Gesetz der Lebenshaltung vom gläubigen Juden angenommen werde. Darum trug auch die jüdische Orthodoxie fast immer einen anderen Charakter als etwa die Orthodoxie der katholischen Kirche. Bei dieser handelte es sich um die Frage: glaubst du diese oder jene Wahrheit? - beim Judentum um die ganz andere Frage: „fühlst du diese oder jene Verpflichtung?" Der orthodoxe Rabbinismus eiferte viel weniger darum, daß das jüdische Volk etwa freigeistig dachte und diese oder jene Forschungen anstellte, als darum, daß es „von der Thora abfiel", daß es das Gesetz nicht mehr erfüllte und keine „Verpflichtung" fühlte. Kurz, es handelt sich in unserer Religion nie um die „Evidenz", sondern um die „Sanktion", nicht um eine intellektuelle, sondern um moralische Wesensgemeinschaft. — Eine Religion aber ohne fest fixiertes, fest erlernbares Dogma, eine „liberale" Religion schien im Kampf der Weltanschauungen dem Untergänge geweiht. Darum wurde überall, wo der jüdische Geist noch nicht reif und innerlich genug war, um durch freie Eingabe an die werte der Ethik befriedigt und zusammengehalten zu werden, das Gesetz veräußerlicht. Anstelle des sittlichen Gebotes trat das rituelle GebB, das doch nur Rolle des Symbols hätte haben dürfen. Die Bedeutung dieses strengen Rituals soll darum nicht unterschätzt sein. Es hielt und hält Juden dort zusammen, wo sie nicht frei und ihrer selbst sicher genug sind, um im Glauben an das Gesetz, im Bewußtsein einer inneren Verpflichtung ihren Zusammenhalt zu finden. Auf einer bestimmten Stufe moderner Bildung jedoch beginnt auch für die Juden das Wort Schillers zu gelten: „Nehmt die Gottheit auf in euren willen und sie steigt von ihrem Weltenthron". Das ist dann die Stufe, auf der ein „liberales Judentum" einsetzt und ohne Schaden für das religiöse Interesse einsetzen darf.