Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Th. Fessing: Jüdische Lebensfragen 103 gilt in viel höherem Maße für unsere Bibel resx. Thora und läßt sich mit einer kleinen Variation auf sie anwenden: Immer zerreißet den Kranz der Bibel und zählet die Väter des vollendeten ewigen Werks! Hat es doch einen Vater nur und die Züge des Vaters, deine heiligen Züge, o Gott! (Schluß folgt.) Jüdifche Lebensfragen. Von Prioatdozent Dr. Th. Cefling-HannoDer. I er „Kampf ums Dasein", der die Welt der Organismen erfüllt und nur das bestgeeignete, am besten angepaßte Lebewesen zu Erhaltung und Fortpflanzung seiner Art kommen läßt, setzt sich auch in Vorstellungen, Begriffen und Ideen der Menschenwelt fort. Auch unter Ideen und Denkrichtungen tobt ein Kampf um die „Auslese", der von dem Inhalte der Ideen, von ihrer Wahrheit oder Unwahrheit zunächst ganz unabhängig ist. — Ls läßt sich nun von vornherein sagen, daß eine „Weltanschauung", die unter weltfreudiger und lebenbejahender Optik die gegebene Wirklichkeit betrachtet, im Kampfe menschlicher Ideen eine gewaltige Thance hat gegenüber alten solchen Betrachtungsarten, die zur Negation, Herabwertung und „Uebcrwindung" des Gegebenen neigen oder irgend einen außerirdischen Maßstab an Menschen und Menschenwelt legen. Umgekehrt wird auch derjenige Mensch, der sich zum Träger der lebenbejahenden und wirklichkeitsfrohen Ideen macht, für seine persönliche Erhaltung und Fortdauer im selben Maße eine Stütze davontragen, als er sich selbst mit der Idee zu identifizieren, als er als Einzelner in ihr unterzugehen vermag. „Die Menschen lassen sich immer gerne," so sagt Goethe, „zum Leben überreden." Jede predigt, die den natürlichen Wünschen des Menschenherzens entgegenkommt, scheint schon in sich selbst die Gewähr der „Wahrheit" zu tragen. . Es kann nun keinem Kenner des Judentums zweifelhaft sein, daß der Jude von früh an Mensch der „Diesseitigkeit" war und ein religiöses Leben führte, dessen Pathos durch und durch von sozialen, ethischen Gesinnungen getragen wird. In dieser Hinsicht scheint mir der alte Gegensatz von „Griechentum" und „Judentum", von „Hellas" und „Juda" keineswegs auf letzte seelische Wurzeln hinzudeuten. Ein viel tieferer Gegensatz als zwischen Juden und Hellenen, die nur zwei unterschiedliche Abarten der selben Art von Weltstimmung bezeichnen, bestand zwischen dem Iudentume und solchen Weltreligionen, die von vornherein auf Abkehr von „dieser Welt", auf die kontemplative und passive Art von Lebenshaltung, auf das Streben nach einem Leben „jenseit der Erscheinung" oder „jenseit des Grabes" gerichtet waren. Der Buddhismus insbesondere als der konsequenteste Ansdruck pessimistischer Lebensverneinung bildet den radikalen Gegensatz zum Judentum, in dem sich erst spät metaphysische Vorstellungen über ein Fortdauern der Seelen nach dem Tode und über die Anteilnahme des Menschen am Reiche Gottes gebildet haben, während es in seinen Ursprüngen durchaus von ethischen Interessen getragen wurde, von einem Streben nach „Gerechtigkeit", nach einem Ideale des Rechtes, das sich schon in dieser Welt zu erfüllen trachtet. — Die „Richter in Israel" werden den Engeln verglichen, der „Gerechte" (nicht etwa der Büßer, der