Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Ar. Seligumnn: Wir gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? säle der Universitäten, aber nicht als direkter Unterrichtsstoff in die schule gehören. U)ohl sollen die Schüler mit den zum Verständnis der Bibel unumgänglich notwendigen, von der Wissenschaft übereinstimmend anerkannten Resultaten der biblischen Wissenschaft bekannt gemacht werden. Wohl soll den reiferen Schülern unter allen Umständen kurz vor dem Zeitpunkt ihrer Entlassung oder auch schon früher, besonders aus Anlaß einer diesbezüglichen Frage und vor allem zu apologetischen Zwecken — wenn beispielsweise der Bibel-Babelstreit auf dem Markte tobt, oder wenn das Judentum von einer befangenen, von fertigen Voraussetzungen ausgehenden evangelisch-theologischen Bibelkritik zu einer minderwertigen Vorstufe einer gradlinig bis zur Gipfelhöhe des Christentums aufsteigenden Entwicklung herabgedrückt wird — wohl soll den Schülern bei solcher Gelegenheit auch gesagt werden, daß um die Authentizität und um die Originalität der Bibel ein gelehrter Streit entbrannt ist. Diese Mitteilung ist notwendig, damit sie nicht — nach Entlassung aus der Schule — unvorbereitet auf Ansichten stoßen, die man ihnen geflissentlich verschwiegen und von ihnen fern gehalten hat. Denn der Nachteil des Verschweigens wäre in jedem Falle schwerer als jede von der besonnenen und vorsichtig abwägenden Einsicht des Religionslehrers geleitete Erörterung dieser Fragen. Mit aller Entschiedenheit aber muß ich mich gegen die Meinung wenden, daß die Ergebnisse der radikalen Bibelkritik zum Gegenstand des Unterrichts für die Gberklassen der Gymnasien gemacht werden sollen. Welche Förderung der religiös-sittlichen Gesinnung verspricht man sich von diesen gelehrten Quellen-Untersuchungen oder «Vuellen-Scheidungen? Der Religionslehrer verkennt seine Aufgabe, wenn er die R e l i - g i o n s stunde zu einer Philologie stunde macht. Nicht wissenschaftliche Aufklärung soll der Religionslehrer in seinem Unterricht treiben, sondern religiösen Sinn wecken und pflegen. Wissenschaftliche Streitfragen und gelehrte Hypothesen sind überhaupt nichts für die Schule, am allerwenigsten für den Religionsunterricht. Die Religionsstunde ist zu ernsteren und wichtigeren Dingen da, als daß sie aus persönlicher Liebhaberei des Lehrers zum Tummelplatz wissenschaftlicher Tagesmeinungen gemacht werden dürfte. Ebensowenig für wio gegen die Ergebnisse der Bibelkritik sollen wir uns in unserem Religionsunterricht festlegen. Wir müssen uns ängstlich hüten, religiöse Fragen mit literarhistorischen und archäologischen Fragen zu verquicken. Wir dürfen den Wert biblischer Lehren und Vorschriften nicht von dem Ergebnis philologischer Untersuchungen abhängig machen. Man muß sich dieser' ganzen Streitfragegegenüber für sich selbst und dem Schüler gegenüber auf den Standpunkt stellen: Gb ein biblisches Buch ein Jahrhundert früher oder später entstanden ist, ob ein Buch von diesen! oder jenem Verfasser herrührt, obeine geschichtliche Darstellung oder eine Erzählung der Bibel genau oder nicht genau mik den anderwärts ermittelten Tatsachen übereinstimmt, das tut dein Wert und der Bedeutung der Bibel und ihrem Charakter als religiöser Gffenbarungsquelle keinen Eintrag. Die Bibel ist ebensowenig ein dogmatisches Lehrbuch der Weltgeschichte wie der Naturwissenschaft. Aber — sie ist uns ein heiliges Buch, an welches wir mit Ehrfurcht herantreten, und das wir deshalb — mindestens für unseren Religionsunterricht — dem Streit und f}aber des Tages entzogen wissen wollen. Was der große Dichter vor hundert Zähren, gegenüber der damals beliebten Zerxflückung der homerischen Gedichteden Philologen entgegengedonnert hat, das