Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 5 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. SrUgmann: Mie gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? 101 lichen Zwecke des Judentums vollständig gleichgiltig. Das Judentum hat nie aus diesem oder ähnlichem ein Kredo gebildet. Und wenn einmal die allerneueste Anschauung, die die ganze Mannigfaltigkeit des organischen Formenreichtums in ihrem Entstehen auf eine einzige.... Urform zurückführen zu können vermeint, . mehr als eine hypothetische Möglichkeit. . . geworden sein wird, dann wird das Judentum seine Bekenner nur zu noch tieferer Anbetung des Einen-Einzigen führen, dessen unendlicher Schöpferweisheit. . . das Schaffen eines einzigen formlosen Keimchens und das Geben eines einzigen Gesetzes der „Anpassung und Vererbung" genügte, um aus dem scheinbar regellosen . . Ungefähr die ganze Mannigfaltigkeit der.Gattungsformen hervorgehen zu lassen. — Nicht einmal die hunderttausende, die Millionen von Zähren, mit welchen die geologische Erdentwicklungstheorie so freigebig ist, schrecken das Judentum .... Die weisen des Judentums, die Nabbinen, .... haben nie die Annahme oder Verneinung solcher und ähnlicher Meinungen zu Glaubenssätzen erhoben." Unsere Stellungnahme zur Naturwissenschaft kann demnach keine andere sein als folgende: Wir scheiden alle Konflikte zwischen Naturwissenschaft und Religion vom Religionsunterricht dadurch aus, daß wir von vornherein oder bei der ersten aus Schülerkreisen über dieses Thema an uns gerichteten Frage erklären: die Bibel ist uns die (Quelle unserer Religion, das Buch der religiösen Offenbarung; sie ist uns aber kein wissenschaftliches Lehrbuch.*) So bewahren *) wenn aber die Naturwissenschaft so weit geht, die Grundlagen aller Religion durch die Leugnung Gottes zu erschüttern, so hat sie ihre Grenzen überschritten und in ein Gebiet eingegriffen, in welchen: sie nicht zu Hause ist. Vgl. über diese Frage: „Judentum und moderne Weltanschauung" vom Verfasser dieses Artikels p. 5—2? insbesondere p. 23 ff. wir die Religion ein für allemal vor einem Konflikt mit der Wissenschaft, so allein verhüten wir, daß der Schüler gezwungen ist, bei einer Abweichung des Wortlauts der Bibel von den Ergebnissen der Wissenschaft, die ihm als gesichert bezeichnet werden, sich für den Glauben gegen das wissen, oder für das wissen gegen den Glauben zu entscheiden. Einzig und allein in diesem Sinne ist die Forderung des liberalen Programms zu verstehen, eine Forderung, der sich Keiner, der es mit der Religion gut meint, und der unsere Zugend zur Achtung und Verehrung vor der Religion und der heiligen Schrift heranziehen will, entziehen darf. III. Die dritte Disziplin, welche für den Religionsunterricht in Betracht kommt, ist die Geschichtswissenschaft, und zwar sowohl die archäologische Forschung als auch die literargeschichtliche Kritik der Bibel. Und hier ist genau derselbe prinzipielle Standpunkt einzunehmen wie bei der Naturwissenschaft. Alles rein Archäologische und rein historische, alles rein Literarische und Kritische hat nichts mit Religion zu tun. „Alles, was nicht von unmittelbarer Bedeutung für die religiös-sittliche Bildung der Zugend ist", so heißt es im preußischen Lehrplan von ^892, „soll ausgeschieden werden." Nicht Theologie, sondern Religion haben wir in der Schule zu lehren, was der Mensch braucht im Kampf des Lebens, was dem Leben sittlichen halt und der Seele Trost und Frieden gibt, was die Gesinnung befruchtet und die Treue erzeugt, das und das allein darf Gegenstand des Religionsunterrichtes sein, aber nicht bibelkritische Hypothesen, religionsgeschichtliche Untersuchungen, die, mögen sie selbst mehr als bloße Hypothesen sein, in gelehrte Werke, in die hör-