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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 Ar. Seligwimn: Mir gewinnen wir unsere Kinder snr das Judentum? wandfrei und apodiktisch zu entscheiden? Und wie sollte der Religionslehrer gar in einem Fache, in welchem er nicht zu Haufe ist, nicht zu Hause zu sein braucht, sich eine so verantwortungs- und voraussetzungsvolle Entscheidung anmaßen? Allein die ganze Fragestellung ist falsch. Der Religionslehrer soll sich im Religionsunterricht überhaupt mit Fragen der Naturwissenschaft so wenig als möglich beschäftigen.*) Mir müssen im Interesse der Religion und der Wirkung des religiösen Unterrichtes wünschen und fordern, daß die beiden Gebiete der Religion und der Naturwissenschaft nicht miteinander verquickt werden. Denn darunter leidet ja gerade der Religionsunterricht so häufig, daß derselbe mit naturwissenschaftlichem Ballast beschwert wird, indem sich der Lehrer auf naturwissenschaftliche Anschauungen f e st legt, die, weil sie in der Bibel sich zu finden scheinen, oder wirklich finden, als religiöse Lehren angesehen und dem Rinde aufgebürdet werden. In dieser Forderung, alle naturwissenschaftlichen Anschauungen und Meinungen, auch wenn sie in der Bibel sich finden, nicht als religiöse Lehren zu behandeln, sind sich alle denkenden Freunde der Religion, Juden und Nichtjuden, Pädagogen und Philosophen, Theologen und theologische Behörden heute einig. In seiner prägnanten Meise spricht sich Diesterweg (Rheinische Blätter 1(858 II p. 21) darüber aus: „Die Bibel ist ein geschichtliches Religionsbuch; ein Lehrbuch der *) In diesem Sinne würde vielleicht für das Programm die Fassung vorzuziehen gewesen sein: „Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er sich nicht in Widerspruch setzt mit den gesicherten Resultaten der Wissenschaft". In der Tat lautete auch die ursprüngliche Fassung des Programms so; aber auch die umgeänderte Fassung ist in keinem anderen Sinne gemeint. Physik, Astronomie und der Naturwissenschaften überhaupt — will sie nicht sein." Aehnlich äußert sich Professor Lazarus: „Am wenigsten dürfen und sollen irgend welche wertvolle moralische, religiöse, kurz heilige Schriften, in denen gelegentlich auch ein Naturereignis erzählt oder eine Naturlehre vorgetragen wird, als Quelle der Belehrung über solche angesehen werden." (Ideale Fragen x. 323.). Derselbe Professor Lazarus zitiert bei dieser Gelegenheit einen Erlaß des königlichen Ronsistoriums der Provinz Brandenburg vom Jahre 1868, in welchem diese als hochkonservativ bekannte Behörde ihr Befremden ausspricht, daß „die heilige Schrift als (Quelle der Norm naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Ueberzeugungen betrachtet und behandelt werden" könne, (ib. p. 32^.) Im ersten Rapitel seiner religiös-philosophischen Zeitfragen zeigt Rabbiner Dr. Joel-Breslau „wie falsch es ist, gewisse physikalische oder astronomische Hypothesen für solidarisch mit dem Interesse der Religion zu erklären" (p. 12). Und endlich, der anerkannteste Vertreter der jüdischen Orthodoxie Samson Raphael Hirsch sagt in vollständiger Uebereinstimmung mit unserer Meinung (in der Linladungsschrift zur öffentlichen Prüfung der Unterrichtsanstalten der Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. 2T(. 1873): „Wie elend . . . wären wir, wenn das, was den Menschen zum Menschen macht.... abhängig wäre von dem jeweiligen. . . System der Naturerkenntnis! Das Judentum hat ... nie eines dogmatisch in den Rreis seiner Ueberzeugungen gezogen.Daß das Heer des Himmels nach dem Gesetze des Linen-Einzigen sich bewegt, die Erkenntnis ist dem Judentum von unendlicher Wichtigkeit. Allein ob wir uns die Ansicht von diesem Gesetze nach der ptolemäischen oder kopernikanischen Weltanschauung bilden, ist für die rein sitt-

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