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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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Ar. Srligrnann: Wir gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? 99 der Prophet Jesaja sagt: Mit Worten ehren sie mich, aber ihr Herz ist fern von mir und ihre Religion ist eingelerntes Menschengebot (29, l3). Es ist dahin gekommen, und es ist Gefahr, daß es immer weiter dahin kommt, daß unsere Jugend von der Religion wie von etwas Rückständigem und Minderwertigem mit Mißachtung spricht und sich in eisiger Gleichgiltigkeit von ihr wendet. Diese tiefernste Besorgnis war es, welche die Verfasser des liberalen Programms dazu getrieben hat, die Forderung aufzustellen: Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt. Drei Disziplinen der Wissenschaft sind es, welche hierbei in Betracht kommen: die Philosophie, die Naturwissenschaft und die Geschichtswissenschaft. I. Die Philosophie als eine Disziplin, welche außerhalb des Unterrichtsplans unserer höheren Schulen liegt, könnte und müßte hier außer acht gelassen werden, wenn nicht die außerhalb der Schule liegenden Einflüsse dazu drängten, uns im Religionsunterrichte mit den philosophischen Einwänden zu beschäftigen. Unsere Alten mahnen schon: wisse, was du dem philosophischen Skeptiker zu erwidern hast. Unsere Schüler dürfen nicht wehrlos und ungerüstet gegenüber den Angriffen auf die Religion aus der Schule treten. Sobald der naive Glaube aus der Sphäre des Selbstverständlichen und Unbestrittenen heraustritt, sobald die Erkenntnis sich aufdrängt, daß es abweichende, ja selbst feindliche Meinungen gibt, kann sich der Glaube nicht der Aufgabe entziehen, sich mit den Angriffen auseinanderzusetzen. Und so sehen wir von den ältesten Zeiten an, von dem Augenblick an, da das Judentum zum ersten Male mit dem gebildeten Griechentum in Alexandria zusammentrifft, die Lehrer des Judentums bemüht, ihre Religion entweder in apologetischen Schriften gegen die Einwendungen der Philosophie zu rechtfertigen, oder in religiös-philosophischen Werken mit den gesicherten oder von ihnen als gesichert angesehenen Resultaten der Philosophie auszugleichen. Und kein systematisches Lehrbuch der jüdischen Religion ist je geschrieben worden oder kann je geschrieben werden, das nicht mehr oder weniger populäre Religionsphilosophie enthielte. Die Fragen, um die es sich da handelt, sind die Grundfragen des Judentums: Die Lehre von Gott, seinem Wesen, seinen Eigenschaften und seinem wirken, die Lehre vorn Menschen, seiner geistigen und sittlichen Natur und Bestimmung und die Lehre von der Offenbarung und der Prophetie. Ueber alle diese rein dogmatischen Fragen, mit einer noch zu erwähnenden Ausnahme, herrscht infolge der hohen Wertschätzung, die das Judentum der philosophischen Wissenschaft von jeher entgegengebracht hat, eine vollkommene Uebereinstimmung unter allen heutigen Lehrern des Judentums, welcher religiösen Richtung sie auch angehören. Das Recht auf philosophische Erfassung des Judentums hat sich im Laufe der Geschichte, gegen zeitweilige Gegnerschaft, als ein heute unbestrittenes Recht durchgesetzt. II. Als zweite Disziplin haben wir die Naturwissenschaft genannt, wie hat sich der Religionslehrer zu den gesicherten Ergebnissen der Naturwissenschaft zu stellen? Die Nächstliegende Frage ist selbstverständlich: Welches sind denn die gesicherten Resultate der Naturwissenschaft? Aber, wer vermöchte die so gestellte Frage selbst unter den Koryphäen der Naturwissenschaft ein-

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