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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 5 (1909) · p. Seite 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
5 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Ar. Seligwarm: Wre gewinnen wir unsere Kinder für das Judentum? Zweck des jüdischen Religionsunterrichts ist, die jüdische Jugend auf Grundlage der Renntnis der geschichtlich überlieferten Religion zu religiös-sittlicher Lebensführung und zur lebendigen Anteilnahme am religiösen Leben der jüdischen Gemeinde zu erziehen. Die Auswahl des Lehrstoffs und die Lehrmethode dürfe:: demnach einzig und allein von dem Gesichtspunkte geleitet werden: wie gestalte ich den Religionsunterricht s o, oder wie vermittle ich der mir anvertrauten jüdischen Jugend das geschichtlich überlieferte Judentum so, daß diese Jugend zu religiössittlichem Leben und zur lebendigen Anteilnahme am religiösen Leben der jüdischen Gemeinde erzogen werde? Um diese Frage richtig beantworten zu können, müssen wir, nach der angeführten These Niemeyers, die zu unterrichtende Jugend ins Auge fassen. Line der fundamentalsten Forderungen aller Erziehung, die unerläßliche Grundlage der Gemüts- und Charakterbildung der Jugend ist die harmonische Erziehung. Alle Erziehung und aller Unterricht wären eine vergebliche Arbeit oder würden Unsegen statt Segen stiften, wenn einander widersprechende Einflüsse auf den zu Unterrichtenden sich geltend machten. Es darf kein offener und kein latenter Widerspruch herrschen zwischen dem Unterricht in anderen Disziplinen und dem Religionsunterricht. Ist dies durchgängig der Fall? wird der Religionsunterricht von allen Lehrern in allen Schulen so erteilt, daß er sich nicht in offenbarem oder verstecktem Widerspruch befindet mit den Tatsachen und Erscheinungen, die den Schülern in anderen Unterrichtsgegenständen als gesicherte wissenschaftliche Resultate mitgeteilt werden? Und wenn nicht in der Schule — sickert nicht durch tausend Kanäle, durch Bücher und Zeitschriften, die sie lesen, durch Unterhaltungen, die sie mit anhören, fast möchte ich sagen durch die Luft, die sie atmen, die neueste Weisheit in die Seele unserer Jugend? Und wenn ihr nun der Religionsunterricht ein ganz anderes Weltbild vor die Seele führt, wenn ihr Tatsachen und Ereignisse, die dem anderwärts Gehörten widersprechen, im Religionsunterricht mitgeteilt werden, und der Glaube daran als dogmatische Verpflichtung gefordert, wenn über anderes mit Stillschweigen hinweggegangen wird, da entsteht mit Notwendigkeit ein Riß in der jungen Seele, eine peinigende Verwirrung und Disharmonie, die in den wenigsten Fälle,: zugunsten der Religion gelöst wird. In der ungeheuren UI ehrzahl der Fälle wird sich in der Seele der Schüler eine Ansicht von Religion bilden und ein inneres Verhältnis zu ihr festsetzen, das die Religion als einen Fremdkörper empfindet, als ein totes Stück innerhalb der geistigen Organisation. So wird durch einen verfehlten Religionsunterricht die lebendige Beziehung zur Religion in der Seele der Jugend ertötet und der Religion aller Einfluß auf das Leben entzogen. wenn aber schon für jeden Unterricht das alte Wort gilt: Non scholae sed vitae discimus, um wie viel mehr gilt dies gerade vom Religionsunterricht, welcher sittliche Charaktere voll Wahrhaftigkeit und Ueberzeugungstreue bilden, ideale Lebenswerte schaffen und die treibende Grundkraft der Persönlichkeit werden soll! Die Religion darf unter keinen Umständen ihres beherrschenden Einflusses auf das Leben beraubt werden. Es darf nicht dahin kommen, daß mit wachsender Reife die Jugend sich daran gewöhnt, die Religion als etwas außerhalb des Lebens Stehendes zu betrachten, das man nicht persönlich an sich herankommen läßt, als einen Inbegriff von Sätzen, die man bloß als Gedächtnisstoff ansieht, die aber keine innere Beziehung zum persönlichen Leben haben, wie

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