Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Ar, Reich: Aus dem Breslauer Gemeinde- und Gemeinde-Vereinsleden Anstalten zur Ausbildung von jüdischen Rantoren errichtet werden. Auf dem Verbandstage des Gemeindebundes im Jahre $99 traten Landgerichtsrat Wöllstein und ich für diesen Antrag ein. Unser Antrag wurde fast einstinunig angenommen. Die acht Lehrerseminare, die von denk Beschlüsse des Gemeindetages in Renntnis gesetzt wurden, erkannten das Bedürfnis nach einem Fortbildungskurse im Rantorfache an und gingen an ihre Einrichtung. Inzwischen war die Zeit der Repräsentantenwahlen wieder herangekommen und wir traten zum ersten Mal seit dem Bestehen des Vereins im Jahre $99 *n den Wahlkampf. Jetzt sollten wir den Nachweis führen für die Existenzberechtigung und die Lebensfähigkeit unseres Vereins. In der ersten den Repräsentantenwahlen gewidmeten außerordentlichen Generalversanunlung konnte ich Hinweisen auf die rege, erfolgreiche und segensreiche Wirksamkeit unserer Gemeindebehörden auf allen Gebieten, die ihrem Wirkungskreise angehören. Sie waren eben im Begriff, große Aufgaben auszuführen, wie den Bau eines unserer Gemeinde würdigen Gemeindehauses, die Anlegung eines neuen Friedhofes auf dem Roseler Terrain. Ich konnte besonders Hinweisen auf die Sorgfalt, die dem Religionsunterricht unserer Jugend gewidmet wurde durch Schaffung einer neuen Religionsunterrichtsanstalt, durch fortgesetzte und erfolgreiche Bemühungen, den Religionsunterricht für unsere Rinder auf den höheren Lehranstalten in immer höheren Rlassen hinaufzuführen. Für die religiösen Bedürfnisse unserer Gemeindemitglieder wurden in diesen: Zeitraum neue Zweiggottesdienste eingerichtet, eine Lesehalle im Gemeindehause errichtet, die sich zahlreichen Besuches von Anfang an erfreut. Für die Gehälter und Pensionen unserer Gemeindebeamten wurden neue und bessere Bedingungen geschaffen, die wohltätigen Bestrebungen zahlreicher Vereine werktätig unterstützt und bei Notständen von auswärtigen Gemeinden tatkräftig eingegriffen. Ich konnte endlich Hinweisen auf das friedliche und harmonische Verhältnis zwischen den Gemeindebehörden, Haben auch naturgemäß so manches Mal sich abweichende Meinungen geltend gemacht, stets waren die Verhandlungen: getragen vom Geiste des Friedens und der Eintracht. Das Streben unseres liberalen Vereins ging dahin, solche Männer zu Repräsentanten: zu wählen, die diesen Geist des Friedens auch in Zukunft Hochhalten und betätigen wollten. Unsere Randidatenliste ging ohne Ran:pf, ohne Gegenagitation glatt durch; wir durften dies erfreuliche Ergebnis wohl mit Recht als Lin:verständnis unserer Gemeindewähler mit unserem Programm und unsrer Tätigkeit denten. Allerdings war eine einzige Verschiebung bedauerlicherweise in der Art eingetreten, daß ein jetzt schon verstorbenes Mitglied des Repräsentanten-Rollegiums in die Reihe der Stellvertreter zurückrückte und an seine Stelle ein bisheriger Vertreter trat. Ls hängt dies mit dem bei uns üblichen Wahlmodus zusammen, wonach die beiden Rategorien — Repräsentanten und Stellvertreter — nicht getrennt, sondern in einer Liste gewählt werden. So hat es oft eine kleine Anzahl Wähler in der Hand, durch den bekannten Trick, Stimmzettel nur für den abzugeben, dessen Wahl ihr besonders am Kerzen liegt, einen von der Majorität als Stellvertreter gedachten in die Repräsentanz zu bringen, einen Repräsentanten hinauszudrängen. Um solchen Ueberraschungen, die sich schon früher öfter ereignet und verdienstvolle Repräsentanten betroffen hatte, entgegenzuwirken, beschloß der Vorstand des Liberalen Vereins schon damals ($00), eine entsprechende Petition behufs Aenderung des Wahlsystems nach der Richtung hin zu unterbreiten, daß zwei besondere Listen, je eine für Repräsentanten