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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 90 (sequence 18)
Language
German
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90 Or. Nerch: Aus dem Breslauer Gemeinde- und Gemeinde-Uereinsleden zu finden in der Rückkehr zu starren Formen oder gar zu national-jüdischen Ideen nicht zu begegnen wissen. „Mir erleben heute, was die Geschichte so klar aufzeigt: daß in Zeiten äußerer Bedrängnis stets Abfall und Zelotentum gleichzeitig ihr Haupt erheben. Aber die Geschichte lehrt uns auch das Heilmittel dagegen erkennen: Die Stärkung des religiösen Sinnes durch neue innerliche Impulse, die dann auch den Formen wieder den rechten lebensvollen Inhalt geben. Die Rultur - Entwicklung im deutschen Judentum, wie sie Mendelssohn angeregt, die religiöse Entwicklung, wie sie Zunz und Geiger gefördert, dürfen jetzt weniger denn je in's Stocken kommen." Die Unterzeichner des Aufrufs erklärten, daß sie keine gewaltsame Umgestaltung, sondern friedliche Entwicklung anstrebten und auf dem geschichtlichen Boden ihres Glaubens ständen, was sie als ihr Ziel hinstellten, war eine Entwicklung der Formen, damit sie nicht zu leeren Formen werden, sondern bleiben, was sie immer gewesen: der dem jeweiligen Rulturstand entsprechende gemeinsame Ausdruck religiösen Empfindens. flus dem Breslauer Gemeinde- und Gemeinde-Vereinsleben im letzten lahrzehnt. Von Dr. Reich, Breslau. in. 2% Januar d. I. waren zehn Jahre verflossen seit der Gründung des „Liberalen Vereins der Synagogen-Gemeinde Breslau". Der Verein war seiner Zeit ins Leben gerufen worden, um in erster Linie als liberaler Wahlverein zu wirken. Bisher hatte ein solcher Mittelpunkt für die Wahltätigkeit gefehlt. Die Vereinigung einer großen Anzahl freisinniger Elemente durfte die Gewähr geben, daß die richtigen Männer, die Männer des Vertrauens der Mehrheit der Gemeinde, ausgewählt und deren Wahl einheitlich und planmäßig durchgeführt werde. Dabei will ich aber ausdrücklich betonen, daß wir Gründer des Vereins weit entfernt davon waren, die rechtsstehende Partei zu vergewaltigen, vielmehr entschlossen waren, die ihr nach Zahl und Stellung in der Gemeinde zukommende Vertretung nicht nur passiv zu überlassen, sondern tätig einzugreifen, um ihre geeigneten, würdigen und verdienten Vertreter zu erhalten. wir stellten das Eintreten für die Wahl geeigtreter Repräsentanten an die Spitze unserer Bestrebungen, weil diese in unserer Zeit eine viel größere Bedeutung für das Gemeinwohl haben, als je zuvor, vom Ausfall der Wahlen zum Repräsentantenkollegium hängt die Wahl des Gemeindevorstandes ab. Der Wirkungskreis beider Gemeindebehörden erstreckt sich aber gegenwärtig viel weiter, ist viel einschneidender für das Gesamtinteresse der Gemeinde, als in früheren Zeiten. Sie sollen neben der Sorge für verwaltungs- und Rultusangelegenheiten auch eintreten für die geistigen, ideellen und sozialen Interessen der Gemeinde und des Gesamtjudentums. Sie sollen — und das gilt besonders von den großen Gemeinden — in der gegenwärtigen Zeit des Bedrängnisses des Judentums von allen Seiten, die berufenen Hüter des Judentums sein für Gegenwart und Zukunft. Allen dahinzielenden Bestrebungen verständnisinnig zu folgen, den Gemeindebehörden zur Seite zu stehen, gegebenen Falles für sie einen Rückhalt und eine Stütze zu bieten, die Initiative zu ergreifen, wo die Behörden durch ihre offizielle Stellung sich eine gewisse Reserve auferlegen müssen, war die Aufgabe, die unserer harrte.

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