Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Znr Geschichte der neuesten Refarrnbewegung in Deutschland 89 Die Konferenz fand in Berlin am % und 5. 3uni (88H statt. Diese Konferenz war keine Reform-Versammlung, denn in der Aufforderung zur Teilnahme war ausdrücklich erwähnt, „daß jede religiöse Meinungsverschiedenheit von der Diskussion ausgeschlossen sei." Als die Beratung des Hauptgegenständes, wie der religiöse Geist zu beleben sei, stattfand, wurden keinerlei Vorschläge gemacht, wie sie in den Konferenzen der fünfziger Jahre laut geworden waren. Als Mittel, dieses Ziel zu erreichen, bezeichnete man die Verbreitung jüdischer Lehren und jüdischer Bücher im Volke, und eine besonders eifrige Hingabe bei der Erziehung der Jugend. Zwar waren die-meisten der hier versammelten Rabbiner weit entfernt vom orthodoxen T^pus der' alten Schule, sie waren Männer von moderner Kultur, hatten aber zum größten Teil keine Sympathien für religiöse Reformen; sie waren konservativ in der Praxis, mochten sie noch so radikal in ihrem Denken sein. Das ist das Trauerspiel in der religiösen Lage der Juden in Deutschland. Die religiösen Führer nehmen einen überlebten Standpunkt ein, und die Menge blickt auf das Judentum lediglich wie auf ein Erbe aus der Vergangenheit ohne lebendigen Gegenwartsgehalt. Die Inkonsequenz der Gemeindevorsteher, welche darauf bestehen, daß in den Gemeinden eine religiöse Politik herrsche, mit der sich ihr ganzes Leben im Widerspruche) befindet, ist beißend aber wahr mit dem Ausdruck „Schinkenorthodoxie"* 2) bezeichnet worden. 3m Jahre (876 kennzeichnete Ludwig Philippson diesen Zustand als: „Die sonderbare Erscheinung, daß Männer, die sämtlichen jüdischen Satzungen längst für ihre Person den Rücken gewandt, für jeden piut und Nigun das Schwert ziehen, und gegen die geringste Reform des Gottesdienstes fanatisch eifern". A. Z. d. 3- Iahrg. ^0 ((876) S. 379. 2) Die Berliner Neuorthodoxen, die mit der „Schinkenstulle" in der Hand für den „Schulchan Aruch" schwärmen. (Ebendaselbst Iahrg. 52 ((898) S. 532.) Ein bekannter Gelehrter hat bei der Beschreibung dieser Zustände gesagt: „Es-gähnt eine tiefe Kluft zwischen den religiösen Air- . schauungen der Majorität der deutschen Juden und denen, welche in den jüdischen Seminaren, Schulen, auf vielen Kanzeln und in den meisten jüdischen Zeitschriften zum Ausdruck kommen."H Dieser unerträgliche Zustand der Dinge, der in den letzten Jahrzehnten des (9- Jahrhunderts immer klarer in die Erscheinung trat, führte (895 zur Gründung des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin", als dessen Zweck festgesetzt wurde „die religiöse Entwicklung innerhalb der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zu fördern und darauf hinzuwirken, daß die Verwaltung im liberalen Sinn geführt werde". Die unmittelbare Veranlassung? zur Begründung dieses Vereins lag in der Tatsache, daß die Gemeindebehörden die Angelegenheiten der Gemeinde ohne jede Rücksichtnahme auf die wünsche der Liberalen führten und nicht den geringsten Versuch machten, den öffentlichen Ausdruck des Judentums mit dem Leben, das seine Bekenner führten, in Einklang zu bringen. In dem ersten Aufruf, den dieser Verein im April (895 an die Juden irr Berlin richtete, wurde auf die Angriffe hingewiesen, die den Juden und dem Judentum von außen zugefügt werden. Dieser Ansturm würde nur dann zu dauerndem Unheil werden, wenn wir den verderblichen Folgen wie Uebertritte und Taufen und der Sucht, Heil 9 Gustav Karxeles in seiner Kritik des von 3. H- Ritter nachgelassenen Buches „Die jüdische Reformgemeinde zu Berlin" (ebendaselbstIahrg. 66 ((902) S. 288. Vgl. eine ähnliche Beschreibung der Verhältnisse in Prag, die aus alle größeren Gemeinden in Deutschland, Oesterreich, Frankreich, England und Italien paßt. „Die Gemeinde will konservativ heißen, die Flagge soll Alles decken, die Institutionen müssen unverändert bleiben, mag auch die Form eines jeden Inhaltes entleert sein." (Ebendaselbst Iahrg. 59 ((895) S. 209-)