Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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88 O O o o Zur Geschichte der neuesten Nrformvrwegung in Aeutschlnnd einzurichten, d. h. eine Synagoge.zu errichten, in welcher der Gottesdienst ganz nach traditioneller Vorschrift ausgeübt werden sollte, damit die orthodoxen Mitglieder sich nicht absonderten. Da erklärte pirsch, daß, wenn die Orthodoxen dieses Anerbieten annehmen und sich nicht seiner Gemeinde anschließen würden, sie sich des Verrats am Judentum schuldig machten. Nunmehr wandte sich die Lsauptgemeinde an die Säule der Orthodoxie 5. B. Bamberger in Würzburg, und dieser entschied für die Genleinde und gegen pirsch. Der Letztere gab darauf einen „Offenen Brief an den Distrikts-Rabbiner S. B. Bamberger in Würzburg" heraus, in dem er Bamberger der Inkonsequenz anklagte — insofern, als er am 2(. Januar (872 gesagt hatte, ein Jude, der nicht an einen persönlichen Messias, der von David abstammt, und ferner nicht an die Wiedererrichtung des jüdischen Volkes in Palästina, sowie an die Wiedereinführung des Gxferdienstes glaube, sei ein Abtrünniger. Da die Frankfurter Gemeinde diese Lehren zurückgewiesen hätte, könne kein orthodoxer Jude, selbst nach Bamberger's Ansicht — länger ihr angehören, hierauf erschien eine Broschüre „Offene Antwort von 3E.", in welcher der Verfasser rügte, daß pirsch dadurch, daß er den Kampf unterhalte und Leute veranlasse, aus der Gemeinde auszutreten, gegen den Geist des Talmuds und des Schulchan Aruch verstoße. Hirsch selbst würde von den orthodoxen Rabbinern in Ungarn, Galizien u. s. w. auf's strengste verurteilt werden, weil er zugebe, daß Trauungen in seiner Synagoge stattsinden, daß er deutsche predigten halte und andere Abweichungen von den traditionellen Sitten sich gestatte. Auch Bamberger verurteilte pirsch in einer „Offenen Antwort", in der er sein Verhalten verteidigt. Der Rabbiner von Wiesbaden S. Süskind beteiligte sich ebenfalls an dem Streite. Gr unterzog die Statuten der pirsch'scheu Gemeinde einer kritischen Durchsicht, besonders den Paragraphen, in dem erklärt wurde, daß der Talmud und der Schulchan Aruch das Grundgesetz der Gemeinde bilden. (Siehe: Die Statuten der israelitischen Religionsgenossenschaft zu Frankfurt, a. M. Beleuchtet von S. Süßkind, Rabbiner zu Wiesbaden, (876.) Dieser Angriff rief verschiedene Antworten hervor, besonders „Die Angriffe des Herrn Rabbiner Süskind zu Wiesbaden gegen die Statuten der israelitischen Religionsgenossenschaft zu Frankfurt a. M. Beleuchtet von S. Frankfurt a. M. (876" und „Heimleuchtung des Herrn Rabbiner Süskind von einem paganus, Frankfurt a. M. (876." Die orthodoxe Partei war aber im allgemeinen nicht gewillt, dem Grundsatz „Gleiches Recht für Alle" zuzustimmen und so konnte diese gerechte Politik nicht durchgeführt werden. — Dazu kam) daß die antisemitische Bewegung in Deutschland, die (875 ihren Anfang nahm, im Laufe der Zeit alle Gebiete des Lebens, die Politik, die Gesellschaft, die Schule, die Industrie mit ihrem Gifte verseuchte, und die Abwehrtätigkeit die ganze Kraft und Aufmerksamkeit der Juden so sehr in Anspruch nahm, daß alle spezifisch jüdischen — besonders die rein religiösen Interessen in den Hintergrund traten. Tausende sahen auf ihr Judentum wie auf ein Unglück, da es ihr materielles Fortkommen hinderte. Die Taufen wurden immer zahlreicher*) und bei Denen, die diesen letzten Schritt nicht mitmachten, trat die Gleichgültigkeit gegen die Religion immer schärfer hervor. Die Lage wurde so verzweifelt, daß die Berliner Rabbiner es für nötig erachteten, eine Konferenz der Deutschen Rabbiner zusammen zu berufen, um über Mittel und Wege zu beraten, wie man der kritischen Wendung der Verhältnisse begegnen könne. h R. Samter, Iudentaufen im (9- Jahrhundert (H5 und folgende. Berlin (906.