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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 87 (sequence 15)
Language
German
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o o 0 o Zur Geschichte der neuesten Reformbrrvegung in Deutschland 87 Juden von dem Standpunkt, den die Hauptgemeinde einnahm, abwichen und eine Gemeinschaft bilden wollten, die auf der Grundlage ihrer eigenen Ueberzeugung aufgebaut war, dann durften sie eine privatgemeinde begründen, waren aber gezwungen, Mitglieder der Hauptgemeinde zu bleiben, wenn anders sie den Wunsch hatten, als im I ud e ntum verblieben betrachtet zu werden. In dieser Lage befand sich die Berliner Reformgemeinde. Ihre Mitglieder hatten doppelte Lasten zu tragen. Obgleich von dieser Gemeinde wiederholt Anstrengungen gemacht worden waren, offizielle Anerkennung zu erlangen und so ihre Mitglieder von den Lasten der doppelten Besteuerung zu befreien, waren alle ihre Bemühungen erfolglos geblieben. Im Jahre 1(875 fingen die Orthodoxen auf Veranlassung von Samson Raphael pirsch an, für den Erlaß eines Gesetzes zu agitieren, das als „Austrittsgesetz" bekannt geworden ist. Dasselbe hatte den Zweck, das bestehende Gesetz abzuändern und einem Juden zu gestatten, aus der Hauptgemeinde auszutreten und einer orthodoxen Gemeinde sich anzuschließen, ohne dadurch seiner Angehörigkeit zum Judentum verlustig zu gehen. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der (87( begründet worden war, protestierte gegen die beantragte Gesetzesabänderung in einer Petition an die Landesvertretung und führte darin aus, ein solches Gesetz würde die Hauptgemeinde schwächen, da es vielen Personen einen Vorwand bieten würde, keine Steuern zu zahlen, pirsch hatte es verstanden, die mächtige Mitwirkung von Eduard Lasker zu gewinnen, der, nächst Bismarck, vielleicht den größten Einfluß im Reichstag hatte. .Lasker nahm sich des Gesetzes an, und es wurde im Jahre 1(876 genehmigt. Die Wirkung dieses Gesetzes war von großer Bedeutung. Nicht deswegen, weil es die Bildung von orthodoxen Separatgemeinden veranlaßte, denn dies war nur in Berlin, Frankfurt a. Al. und Wiesbaden der Fall, sondern weil es die Gemeinden der verschiedenen deutschen Städte zwang, eine Politik der Anpassung zu verfolgen, um ihre Einkünfte nicht zu vermindern. Die Vorstände der Gemeinden ließen die Einführung von Reformen nicht zu, damit dies nicht diejenigen, die der Reform nicht zuneigten, zum Austritt aus der Gemeinde veranlassen möchte. Das Austrittsgesetz bildete für die Orthodoxen die Keule, die sie über die Gemeinden schwangen, um sie zu zwingen, den status quo zu erhalten. Es war ganz natürlich, daß in großen Gemeinden viele Anschauungen vertreten waren. Da hätten so weit als möglich Vorkehrungen getroffen werden müssen, den religiösen Bedürfnissen der verschiedenen Elemente Rechnung zu tragen. Reformierter Gottesdienst mit Abänderungen in der Liturgie, mit Orgel, deutscher predigt und Ghor für die Liberalen, und traditioneller Gottesdienst ohne diese Aenderungen und Zusätze für die Orthodoxen. Lehrreich sind die Ereignisse, die in Frankfurt a. M. auf die Annahme des Gesetzes folgten. Samson Raphael Hirsch hatte die israelitische Genossenschaft im Jahre 1(866 gegründet. Er und seine Gesinnungsgenossen waren, obwohl sie sich als streng orthodox ausgab en vom traditionellen Standpunkt weit entfernt, da sie sich der Kultur ihrer Umgebung assimiliert hatten. Die Juden waren ebenso über den religiösen Standpunkt des Rabbinismus hinausgewachsen, wie sie über dessen Kulturphase hinausgegangen waren. Eine Einigung zwischen diesen beiden zu versuchen, war erkünstelt, unnatürlich und romantisch. Hirsch schlug nun folgenden weg ein. Nach Einnahme des Austrittsgesetzes machte die Hauptgemeinde in Frankfurt a. M. den orthodoxen Mitgliedern das Anerbieten, für alle rituellen Bedürfnisse der Orthodoxen zu sorgen und einen Gottesdienst nach ihrem Wunsche

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