Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Jur Geschichte der neuesten Ueforrnbrwrgnng in Dentschlnnd Leitern der Iudenheit ZITtttel und Wege bieten würden, um diese Differenzen auszugleichen, hatte sich nicht erfüllt.*) Der Geist des Fortschrittes, der in dem Volke herrschte, konnte aber trotz der unermüdlichen Anstrengungen der Orthodoxen nicht zurückgehalten werden. Ein sehr bemerkenswertes Zeichen hierfür war die am 6. Mai (872 erfolgte Eröffnung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin.-) Der Zweck dieser Institution war, die Heranbildung von Rabbinern nach liberalen Grundsätzen. Abraham Geiger — als Rabbiner und Moritz Lazarus* 2 3) als Nicht-Theologe waren die führenden Geister der Anstalt. Dieses liberale Beginnen führte, wie zu erwarten war, zu einer ähnlichen Bewegung auf orthodoxer Seite. Anr 2(. Oktober 1(873 wurde das Rabbiner-Seminar von Israel Hildesheimer, dem unnachgiebigsten Gegner irgend welcher Reform im Ritus und in der Ausübung der Lehre, — begründet. Das Wesen der Hildesheimer'schen Orthodoxie ist vollkommener Stillstand; eine Airerkennung von geänderten Verhältnissen und Anschau¬ *) Dr. Heinrich Meyer Tohn behauptete in einem Artikel, den er aus Anlaß der 25. Wiederkehr des Tages, an dem die Leipziger Synode stattgefunden unter dem Titel „vor 25 Jahren" veröffentlichte, die Synode habe deswegen so wenig Einfluß geübt, weil sie sich nur mit der Reform einiger Äußerlichkeiten befaßt habe. Die Synode hätte vielmehr eine neue Erklärung des Gesamtinhalts der Religion geben müssen. (Siehe A. Z. d. I. Jahrgang 38 ((89O 558—^0). Auf diese Kritik antwortete Dr. A. Wiener (Oppeln), der an beiden Synoden teilgenommen hatte, ebendaselbst 559— 6(, 570—7(. 2) Ebendaselbst Jahrgang 56 ((872) 5(H. 3) Lazarus der hervorragendste philosophische Denker unter den deutschen Juden war gleichzeitig der glühendste Reformer. Er erkannte klar den leidigen Zustand, in dem sich das Judentum in Deutschland infolge des Widerspruchs zwischen Theorie und Praxis befand. Immer und immer wieder wies er in gewichtigen Ausführungen auf die schlimme Lage hin, in der sich der Glaube befand. Niemals aber hat er dies deutlicher zum Ausdruck gebracht, als in einer Ansprache, ungen gibt es für sie nicht. Die Tradition ist ihr unverletzlich, und wer auch nur im geringsten an den zahllosen Vorschriften ändern wollte, der ist ein Sünder in Israel. Die offizielle Berliner Gemeinde, die Hauptgemeinde, war seit einiger Zeit dem Reformgedanken nähergetreten. Zwar war keine Reform von irgend welcher weitgreifenden Tragweite eingeführt worden — aber es sind doch einige Abänderungen in der Liturgie vorgenommen worden. Und sobald Aenderungen — wenn auch noch so gering — zugelassen werden, dann ist das Prinzip des religiösen Fortschritts anerkannt und die orthodoxe Auffassung aufgegeben. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache waren die orthodoxen Führer eifrig bemüht, die Ge-- setzgebung dahin zu beeinflussen, daß es ihren Anhängern gestattet sein soll, sich von der Hauptgemeinde zu trennen und sich in Separatgemeinden zusammenzuschließen. Das Gesetz irr Preußen und in anderen deutschen Staaten schrieb vor, daß jeder Jude zu der Hauxtgemeinde gehören und zu ihr beitragen müsse. Wenn aber eine Anzahl von die er anläßlich des (00. Todestages von Moses Mendelssohn gehalten hat. In dieser Rede, die unter dem Titel „Moses Mendelssohn in seinen Beziehungen zu Juden und Judentum" erschien, sagt er wörtlich: „Ls führt zum verfall einer Religion wie einer jeden geistigen Genossenschaft, wenn ein großer, wenn ein sehr großer Teil ihrer Bekenner, wenn auch ihre Lehrer und ihre Führer Hunderte und aber Hunderte von den Sätzen nicht mehr befolgen, in ihrem Herzen nicht mehr anerkennen, sie gleichwohl aber als Gesetze bestehen lassen. Einzelne Ansätze zur Reform sind. in Rabbinerversammlungen und Synoden gemacht, immer ohne Kontinuität geblieben, aus Gründen, deren Erörterung im einzelnen uns hier fern liegt. Der einzige, letzte, wahrhaft zutreffende Grund, weshalb wir uns der stetigen Arbeit an dieser Reform enthalten, ist die Trägheit. — Line Religion, deren Lehrer und deren Führer den Mut nicht haben, sich die Frage vorzulegen: Was ist denn eigentlich noch unser Gesetz, was kann es noch sein? — eine solche Religion ist in der allertiefsten Gefahr. Wir lassen es gehen." (Siehe Deutsche Revue (886, 2(5—228).