Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der neuesten Reformbrwegung in Neutschlund 85 Vorlesung, einer Schrifterklärung oder predigt, ganz wenigen Gebeten oder Psalmen und einigen einfachen, für die Gemeinde singbaren hebräischen und deutschen Gesängen bestehen. Für diejenigen, die den herkömmlichen Gottesdienst wünschen, halte man ihn zu einer früheren Stunde. Die häusliche Sabbatfeier ist recht schön und der Erhaltung wert für diejenigen, die sie noch kennen und in anmutender Form betätigen. Wo sie schon verloren gegangen ist, wird sie nicht wieder Eingang finden. Dian gebe sich in dieser Beziehung keinen romantischen Illusionen hin. Womit steht und fällt nun aber in Wahrheit das Judentum? Die Frage ist sehr einfach zu beantworten: mit dem Vorhandensein einer nicht allzukleinen Zahl von Personen, die noch Juden sein wollen, lediglich der Wille der Zugehörigkeit zum Judentum ist das Entscheidende (vgl. die prächtige Ansprache des Herrn Direktors Dr. Adler „Religion und Vaterland" in der gleichen Nr. 3 dieser Zeitschrift). Dieser Wille aber muß, wenn er stärk und dauernd sein soll, eine feste, unverrückbare Basis haben. Es muß sich dabei um Güter handeln, für die man zu kämpfen, zu leiden und selbst zu sterben bereit ist Solcher Güter gibt es für den modernen Juden nur zwei: den reinen Monotheismus und die unbegrenzte Humanität. In diesen beiden Fundamentalprinzixien stimmen einerseits alle Richtungen des Judentums überein, und durch sie unterscheidet es sich anderseits wesentlich von den übrigen Weltreligionen, die in ihrem Rultus von der Menschenverehrung nicht loskommen können und sich als alleinseligmachend vor Gott*) wie als allein vollberechtigt unter den Menschen ansehen. Die bezeichneten Fundamente des Judentums sind fest genug, uni die Zeiten zu überdauern, und breit genug, um dereinst die ganze Menschheit zu tragen. Reiner, der das Glück hat, einer Religion mit solchen Prinzipien anzugehören, wird, s o f e r n Gott, Vernunft und Menschenliebe für ihn dasHöchste sind, durch irgend eine Macht der Welt sich bestimmen lassen, seine Religion zu verleugnen oder mit einer anderen zu vertauschen. Aber nicht nur das, — er wird sich verpflichtet fühlen, sie als bewährte Weltinstitution zur Erreichung der höchsten Menschheitsziele treulich zu hegen und immer vollkommener auszubanen. *) Was das Christentum betrifft, so erklären Ratholizismus und Griechisch-Ratholizismus nur ihre Rirche für seligmachend, während nach dem Dogma des Protestantismus alle Getauften — aber nur diese — selig werden. Nach der Anschauung des Judentums dagegen haben „die Frommen und Gerechten aller Völker" Teil an der künftigen Welt. Für unsere obige Ausführung kommt es nur auf diesen prinzipiellen Unterschied in der Stellung zu Andersgläubigen, nicht auf die Frage des Jenseits an sich an. Zur Gefdiidite der neuesten Reformberoegung in Deutfchland. Ein flbfchnitt aus dem Werke: The Reform Movement in Judaism von Daoid Philipson-Cincinnafi. Ins Deutsche überfragen von Denos leDy-Berlin. nt letzten Drittel des Jahrhunderts gab es noch manchen interessanten Zusammenstoß zwischen jüdischen Orthodoxen und Liberalen in Europa. Täglich mehr tritt der unheilvolle Riß zwischen dem Leben der Juden und der Lehre der Synagoge in die Erscheinung. Tausende von Juden beachten nicht, was das offizielle Iudetttum als bindend erklärt. Die Hoffnung derjenigen, die erwartet hatten, daß die beiden Synoden den