Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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84 Hellmut Maemy: Womit steht und fällt dos Judentum Womit stellt und fällt das Judentum? Von Hellmut Raemy. ch bin leider über die Blütezeit des Lebens hinaus, aber ich kenne unsere jüdische Jugend genau, und ich spreche jetzt in ihrem Sinne, Herr Z>r: Norden-Elberfeld erklärt in Nr. 3 dieser Zeitschrift: „Mit dem Sabbatgedanken steht und fällt das Judentum." Mit demselben Recht könnte gesagt werden, daß mit den Sxeisegesetzen, mit dem versöhnungstag, mit der rituellen Beerdigung oder mit irgend einer andern als besonders wichtig erachteten äußeren Einrichtung das Judentum steht und fällt. Das wäre gerade so zutreffend, wie wenn gesagt würde, daß das Judentum mit dem ehemals so fundamentalen Gpferdienst endgültig gefallen sei. Herr Dr. Norden wird entgegenhalten, er habe von dem „Sabbatgedanken mit seiner Ruhe und weihe" gesprochen, der nicht fallen dürfe, wenn wir nicht wollen, daß das Judentum falle. Seine weiteren Ausführungen zeigen indessen, daß er damit im wesentlichen doch die äußere Sabbatfeier meint, da er fordert, daß, wenn das Aussetzen der werktagsarbeit nicht zu ermöglichen ist, wenigstens für den einen oder andern Sabbat die Teilnahme am öffentlichen Gottesdienste sowie ein feierliches Gepräge des Tages in der Häuslichkeit angestrebt werden solle. Man kann mit dieser Forderung einverstanden und doch der Meinung sein, daß ihre Bedeutung überschätzt wird. Mir scheint überhaupt, daß die heutige Lage bezüglich des Sabbats zu sehr auf den äußeren Zwang der Verhältnisse und zu wenig auf das moderne Seelenleben zurückgeführt wird. Arbeitsruhe, Ausspannung der Nerven an einem Tage der Woche wird gewiß heute mehr denn je als Bedürfnis empfunden, dagegen Gottesdienstbesuch an diesem Tage weniger denn je. Für den Ruhebedürftigen erscheint es an sich ziemlich gleichgültig, ob Samstag oder Sonntag der Ruhetag ist. Soviel ist jedoch gewiß, daß die moderne israelitische Jugend für ihre Ruhe und Erholung den allgemeinen Ruhetag, d. h'. iden. Sonntag, vorzieht. Sie liebt nicht die religiösen Besonderheiten und Auffälligkeiten, sie will mitten im Volke stehen und gleichzeitig mit diesem arbeiten und ruhen. Damit ist jedoch nicht etwa gesagt, daß sie einen Sonntagsgottesdienst wünscht und im Falle der Einrichtung eines solchen ihn besuchen würde. Der religiöse Sonntag liegt ihr fern, und sie würde sich dafür bedanken, wenn man ihr diesen in irgend einer Form, also namentlich durch Einrichtung einer gottesdienstlichen Feier, aufoktroyieren wollte. Sie lehnt es ab, sich den freien Tag durch eine Veranstaltung verkümmern zu lassen, die nicht einmal dem Herkommen entspricht. Man mag mit Nutzen während der Winterzeit an Sonntagnachmittagen Vorträge aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur, vielleicht auch einfache predigten ohne Verbindung mit einem Gottesdienste halten lassen; dergleichen wäre wohl eines Versuches wert, was dagegen den Sabbat betrifft, lasse man die Schwarzseherei. Er ist eine jüdische Institution, und die jüdische Gemeinde hat die Pflicht, ihn als solche zu pflegen. Man erhalte den Gottesdienst am Vormittag für alle, die Zeit und Lust haben, die Synagoge aufzusuchen, und richte daneben einen Iugendgottesdienst am Nachmittag ein. Was den Vormittagsgottesdienst betrifft, verhehle man sich jedoch nicht, daß die stete Wiederholung derselben Gebete und Gesänge vom Nebel und die Thoravorlesung fast ohne Nutzen ist. Es lohnt sich für einen modernen Menschen wirklich nicht, öfter in einen solchen Gottesdienst zu gehen. Ein zweckentsprechender Sabbatgottesdienst darf nicht über eine Stunde dauern und muß aus einer ganz kurzen Thora-