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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 83

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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Ar. Keligkorvrtz: Uevstnnd und Gefühl in der jüdischen Religion 83 Übersetzungen, die Midraschim, die Homilie und die predigt hervor. Es war ein fruchtbarer Reim, der viele Stämme, Zweige und Blüten trieb. — Besonnene Belehrung, Erweckung der logischen Elemente in der Seele, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstände ist eben für das Judentum typisch. Dagegen ist Gefühlsüberreizung, Schwärmerei für das Religiöse, die so oft in Andächtelei und Mystik ausartet, durchaus unjüdisch. Die ewigen. Muster für religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge des Verstandes auf das Gemüt gewirkt. Im Judentum herrschte daher stets eine lebendige Regsamkeit. Eine unaufhörliche Geistesfriktion gab dem Studium stets neuen Aufschwung. Zwar wurde inan in dieser Verstandesgymnastik auf Nebenbahnen Hinausgetrieben, die Spekulation ging nicht selten in Spitzfindigkeiten über; doch überschaut man das Ganze des Judentums und seinen Entwicklungsgang, so bemerkt man in ihm eine gewisse Nüchternheit; neben dem tiefsten, innigsten Glauben wiegt eine scharfe Verstandesrichtung vor, das Judentum vor dem Einherschreiten auf den Stelzen der Ekstase bewahrend, die sich in Visionen, Verzückungen und Unbegreiflichkeiten berauscht und ihren Triumph darin erblickt, den verstand zu unterjochen. Das Judentum beansprucht den ganzen Menschen und verlangt stets prsssnee ä'sspriti. Das Judentum befiehlt nicht: „Du sollst glauben" — was allerdings nicht ohne Obskurantismus und Knechtung des Geistes angeht — sondern befiehlt: „Du sollst lernen und forschen." Charakteristisch schließlich für die Durchdringung des vernunftmäßigen Denkens und innigen Gefühlslebens im Judentum ist die puritanische Anschauung hinsichtlich des Gottesdienstes. N)ie ehrend ist es für unser Volk, daß Jahrhunderte hindurch die einfachsten Formen im Gottesdienste ausreichten. Zehn Menschen vereinigten sich in einem beliebigen Raum zum Gebet, und damit ist die Veranstaltung zürn Gottesdienste erschöpft, um die gläubigen Seelen zu erbauen und zu begeistern. Und wie gestärkt für den Lebenskampf, der ihrer draußen harrte, kehrten sie aus ihren Bethäusern zurück, die nichts enthielten, was die Phantasie hätte irgendwie anregen können. Fern sei von uns, diese puritanische Anschauung hinsichtlich des Gottesdienstes auf den Thron zu erheben und jede äußere Verschönerung des Gottesdienstes als mit dem echten Geist des Judentums nicht vereinbar zu betrachten. Nur darf man sich nicht dem Glauben hingeben, daß durch die äußere sinnliche Anregung der Phantasie allein, die durch Gesang und Instrumentalmusik bewirkt wird, schon alles abgetan sei. Das Feuer, das durch Phantasie, durch Berauschung der Sinne entzündet wird, ohne Selbständigkeit des Geistes, ist nur ein flackerndes Strohfeuer. Die tiefe innere Ueberzeugung und die aus dieser fließende Gesinnungstüchtigkeit schafft eine wahre Begeisterung für das Judentum. Auf dem Gebiete des Gemütslebens in der Religion liegen die Extreme nebeneinander: das höchste und das Niedrigste, das Edelste und das Gemeinste. Nirgends bringt die Religion schönere Blüten hervor; nirgends auch wuchern auf ihrem Acker giftigere Pflanzen. Religiöses Gefühl ist die Seele aller Gottesfurcht; aber in seiner Entartung wird es die Quelle der größten Verirrungen. Das vernunftgemäße Denken aber bildet das eigentliche Lebens-Element des Judentums und ist der Schöpfer eines so energischen Bewußtseins, daß wir seine Wiederkehr in das Judentum nicht hoch genug anzuschlagen, und es, bereichert durch Gefühl und Phantasie, festzuhalten haben.

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