Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 O O o o Ar. Seligkowitz: Uerstsnd und Gefühl in der jüdischen Religion entsprochen werden kann. Durch die begriffsbildende Verstandstätigkeit kommt der Gegenstand der Verehrung für das Gefühl niemals in das Licht unmittelbarer Anschauung, sondern er wird durch den dazwischentretenden Verstand in die Ferne geruckt. Ferner wird der Genuß um so bequemer, je mehr das Geistige in sinnliche Form gekleidet ist. Das Bild wirkt und ergreift viel stärker, als der Begriff. Auch darin läßt der Verstand das Gefühl unbefriedigt. Es ist eben nicht anders möglich; er muß immer wieder die sinnbildliche Vorstellung zu zergliedern suchen, um ihren Wahrheitsgehalt zu bestimmen, und damit verursacht er dem Gefühl schmerz, da es nur erregt werden will, und deshalb mehr auf die Form als auf den Inhalt gibt. Die Folge davon ist, daß das Gemütsleben der Zucht des Verstandes am liebsten entflieht, und je mehr dies der Fall ist, desto ernster die Gefahr, daß das gesunde Gefühl in krankhafte Schwärmerei und Fanatismus ausartet. Wo daher die Religion als eine bloße Gefühlssache genommen wird, wo alles Religiöse nicht gedacht, sondern empfunden werden soll, da ist ein Verschwimmen aller religiösen Gedanken unausbleiblich, da ist bei aller Gefühlsseligkeit doch jede innere Haltung und Festigkeit, jeder wahre Gewinn an Inhalt und Tat verloren, da ist auch Schwärmerei und Fanatismus wie von selbst gegeben mit ihrem ganzen unheilschweren Reich, wer, mag er auf anderen Gebieten noch so klar denken, in der Religion nur eine Befriedigung von Gefühlen und eine Anregung der Phantasie sucht, wird allen möglichen Verirrungen ausgesetzt sein, und, ehe er es sich versieht, von fanatischen Schwärmern oder geschickten Betrügern ins Netz gelockt. Darum ist es für die Gesundheit der Religion eine unerläßliche Bedingung, daß sie niemals der Aufsicht des Verstandes sich entziehe. Denn das ist gerade die große Gefahr aller Gefühlsorthodoxie, daß sie von der Vernunft Unterwerfung verlangt und damit ihre Bekenner wehrlos gegenüber allen krankhaften Gefühlsregungen hinstellt. Ls ist ein großer Vorzug der israelitischen Religion, daß sie den ganzen Menschen, den einheitlichen Geist beansprucht, daß sie ihren Beweis und ihre Wirksamkeit in der Harmonie des Verstandes und des Herzens, des Denkens und des Fühlens findet. Ls ist hierfür charakteristisch, daß die bedeutendsten Denker des Judentums, ein M a i m o n i - des, ein Gabirol, ein Juda Halevi die schärfste Verstandsentwicklung mit der innigsten Gläubigkeit vereinbar fanden. Lin vernunftgemäßes Denken in religiösen Dingen bildet von jeher ein so starkes Element des Judentums, und eine natürliche Folge dieses kstneinziehens des Denkens in den Bereich der Religiösität war, daß das Studium für jedermann eine ebenso heilige Verpflichtung war, wie die religiöse praktische Uebung selbst. Unter allen religiösen Anstalten und Institutionen, die die edlen Zwecke verfolgen, das geistige und leibliche Wohl und Heil der Menschen zu fördern, gebührt nach der Anschauung unserer Weisen der Stätte der öffentlichen Belehrung, der erste j)reis. Ranzel und Ratheder überragen im Judentum seit jeher alle anderen Anstalten. Die regelmäßige Vorlesung und Erläuterung aus dem Gesetz und den Propheten bildete den Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes. Nicht Andachterwecküng und künstliche Erregung religiöser Stimmung, sogenannte Erbauung, war und ist Zweck des jüdischen Gottesdienstes, sondern Belehrung, Verlebendigung der zugleich religiösen und sittlichen Wahrheiten, daß sie jedem einzelnen zu jeder Zeit gegenwärtig bleiben könnten. Aus diesen Vorlesungen gingen die Versionen, die Septuaginta und die übrigen griechischen