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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 81

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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Br. Seligksrvitz: Verstand und Gefühl in der jüdischen Religion 81 in zweiter Reihe steht. 2lls erstes aber gilt es, den lVillen erregen! Und es kann dafür kein Schema und keine Tabelle von Mitteln und Mittelchen aufgestellt werden. Entsprechend der ungeheuren Differenziertheit des modernen Lebens werden auch die Mittel der Willenserweckung eine gewaltige Mannigfaltigkeit haben müssen. In organischem Aufbau, in intensiver Arbeit in kleineren und dann in immer größeren Kreisen werden wir den erlahmten Geistern Schwung geben müssen, werden wir ihnen helfen müssen, ihre religiöse Sehnsucht zu fühlen, werden wir sie lehren müssen, sich selbst zu begreifen aus ihrem Zusammenhang mit der Gesamtheit. Wir werden ihnen die Lebensmacht des Judentums in neuem Licht zeigen müssen, wir werden ihnen die hohe geistige und sittliche Bedeutung des Judentums, seinen inneren Wert und seine bleibende Bedeutung für uns selbst und die gesamte menschliche Kultur — wie immer ihre Phasen sich gewandelt haben und noch wandeln mögen — erweisen, wir werden ihnen erneutes Interesse für das Judentum einfläßen, ihr soziales Gewissen schärfen, damit alle es als heilige Pflicht fühlen, ihre Kinder zu religiösen Juden zu erziehen. Verstand und Gefühl in der jüdifchen Religion. Von Dr. Seligkomitz-Cöthen. er Verstand ist in religiösen Dingen nicht beliebt. Er stört den Genuß des Sichhingebens an fromme Illusionen. Er gestattet nie, das Alte und wegen seines Alters Liebgewordene mit ungeteilter Verehrung festzuhalten. Er zwingt fortwährend zu der Anstrengung und zu der Gefahr, sich auf neue Bahnen zu wagen. Und doch, was sollte aus der Religion werden ohne diese anhaltende Kritik des Denkens in Hinsicht auf den Glauben? Rieht allein, daß die höher Entwickelten alles religiösen Glaubens verlustig gehen würden, auch die große Menge würde auf die Dauer nicht aus Ueberzeugung der Religion treu bleiben können. Die Wissenschaft, so manches Mal als die gefährliche Feindin der Religion hingestellt, erweist ihr den besten Dienst dadurch, daß sie die Religion immer wieder zwingt, sich auf die Höhe der Entwicklung der Zeit zu stellen. Die Schwierigkeit ist nur, den Anteil des Verstandes an der Religion auf das rechte Maß zu bringen und dabei zu erhalten. Denn wenn er dieses überschreitet, wenn er, statt nach mitwirkender Dienstleistung, nach autoritattver Herrschaft strebt, so leidet die Religion Schaden. Der Intellektualismus wird alle Zeit verhängnisvoll für die Gesundheit und die Kraft des echt religiösen Lebens. Allerdings ist im Gefühlsleben alle Zeit ein geheimer Widerwille gegen die Einmischung des Verstandes vorhanden. Das läßt sich auch sehr gut erklären. Gefühlserregung, wie ideal sie auch sei, trägt stets in etwas den Charakter des Genusses an sich, und für den Genuß ist die Einmischung des Verstandes ein Hindernis schon aus dem Grunde, weil er die Unmittelbarkeit stört, die eine Bedingung ungeteilten Genusses ist. Eins der allgemeinsten Merkmale aller Mystik ist das Streben nach unmittelbarer Beziehung zu dem Gegenstand der Verehrung. Daher die merkwürdige Neigung nach pantheistischer Weltanschauung bei den Mystikern. Sie dulden eben nicht, daß etwas zwischen sie und die Gottheit trete, sie wollen diese direkt umarmen; ein Wunsch, dem von seiten des Verstandes mit seiner Methode der Zergliederung und Begriffsbildung nicht

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