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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 80

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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80 Ar. Mas Airnemann: Liberales Judentum Leben in einer bestimmten Art, so muß der Organismus des Judentums seine Ideen, die weltumspannend und welterobernd sind, in besonderer Art ausprägen und hat sich zu diesem Behufs Symbole und Bräuche geschaffen. Ls findet hier eine ganz überraschende Verbindung des Charakters der Iudenheit und des Judentums als organischer Gebilde statt; sowie die Symbole innerhalb des religiösen Systems ein Lebenszeichen des Organismus sind, so sind sie es auch für die Träger des Systems, wir müssen die Symbole würdigen als einen der stärksten Lrreger des Gemeinsamkeitsgefühls, nichts verbindet so stark wie gemeinsame Bräuche, sie überragen an Kraft das gesprochene Wort, während sie an wert ihm ja weit unterstehen. Aber das gesprochene Wort kann sich immer nur an Bestimmte wenden und ist in seinem Verständnis abhängig von der Aufmerksamkeit und dem Fassungsvermögen, Symbole werden von allen verstanden, erregen zu gleicher Zeit alle, die an ihnen teilnehmen, und verbinden so in hervorragender weise. In dieser Erkenntnis ruht ihr bleibender Wert und ihre Notwendigkeit; daraus, daß wir sie als Lebensäußerungen eines lebendigen Organismus begreifen, stammt unsere Achtung vor dem geschichtlich Gewordenen, soweit es noch Ausdruck pulsierenden Lebens ist. Die Einsicht in die inneren Gesetze dieses Organismus befähigt uns, aus der Seele des Organismus heraus zu handeln — und alle Entwickelung muß ja von aktiven Menschen ausgehen, nichts entwickelt sich von selbst — und dort, wo fördersame Elemente des Kulturlebens in uns hineindringen, sie uns zu assimilieren und nicht uns ihnen, -sodaß wir seine Eigenart nicht vergewaltigen. Hier also, in dem sozialen Gedanken in seiner weitesten und modernsten Bedeutung haben wir den Punkt, an dem wir ansetzen müssen, um positives zu schaffen. Es ist die große Aufgabe unserer Zeit, die Verbindung herzustellen, zwischen persönlicher Freiheit und sozialer Bindung. Die persönliche Freiheit ist der Ausdruck der liberalen Gesinnung, die soziale Bindung die Unterordnung unter das Judentum, wir sind sozial gestaltet, aber nicht mehr geistig gebunden, sondern seelisch frei und darum wandelbar und voll von Entwicklungsmöglichkeiten. . Alles kommt nun darauf an, den Zeitgenossen das soziale Gewissen zu schärfen, aus ihm kommt dann das Verantwortlichkeitsgefühl, das dem Einzelnen seine Arbeit für die Gegenwart und seine Arbeit in der Erziehung der Jugend als die Voraussetzung der gedeihlichen Zukunft zeigt, das überhaupt die Sorge um die Zukunft des ganzen Organismus als den beherrschenden Gedanken für die Gegenwart erscheinen läßt. Und in diesem stärkeren Betonen des sozialen Gedankens, bei dem wir durchaus in Uebereinstimmung mit den modernen Kulturerscheinungen uns bewegen, liegen sichere Bürgschaften dafür, daß wir die Irrtümer ünd Nachteile vermeiden werden, die der liberalen Bewegung des vorigen Jahrhunderts zur Last gelegt werden. % Alles Gesagte, sowohl die'Erklärung des Wortes „liberaler Jude", wie die Anlehnung an das Zeitbewußtsein im sozialen Gedanken, hat eine Voraussetzung, nämlich den willen zum Judentum und den willen zu positiver jüdischer religiöser Betätigung. Dieser Wille ist das primäre, und erst auf Grund dieses Willens kann eine Fortentwickelung stattfinden. Auch darin sind wir im Zusammenhang mit dem Zeitbewußtsein, daß wir den willen als das primäre in unserem Seelenleben erfassen. Alles wird darauf ankommen, zunächst diesen willen zu erregen. Und wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß so manche Frage, die heute einen Zankapfel zwischen Liberalen und Orthodoxen bildet, erst

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