Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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pr. Mas Aienrmrrnn: Liberales Judentum 79 gleichsam das Gegengift, das der menschliche Geist gegen die zersetzenden Folgeerscheinungen des Selbständigkeitsgefühls erzeugt. Je stärker man diese Wirkung an sich und den Gleichgearteten und von gleichem Interesse verbundenen verspürt, um so sicherer kommt dann der Tag, an dem die Korrektur aller der Schäden, die Individualismus und Subjektivismus erzeugt haben, in dem neuerweckten sozialen Gefühl hergestellt wird. Wenn die äußerliche Gebundenheit abgeworfen ist, und wir sahen ja oben, dieses Abwerfen der Bindung durch Autorität ist ein wesentliches Kennzeichen liberaler Gesinnung, dann kommt schließlich die innere Gebundenheit an ein soziales Gewissen, der soziale Zusammenschluß, der autonom erfolgt. Aus diesem beherrschenden Zeitgedanken — und wer wäre so blind, daß er seinen Siegeszug auf allen Zweigen des modernen Kulturlebens, nicht nur im Wirtschaftsleben, nicht sähe — schöpfen wir die Notwendigkeit, uns Juden in unserer Gesamtheit als einen sozialen Organismus zu begreifen, das Judentum als den adäquaten Ausdruck der religiösen Anschauungen und Ziele dieses sozialen Organismus und so als einen lebendigen Organismus an sich zu verstehen. Damit soll nun nicht etwa eine neue Erkenntnis vom Wesen des Judentums und seiner Träger gegeben werden, keineswegs, aber es handelt sich ja, wenn man erst einmal unsere Abhängigkeit von der seelischen Haltung der ganzen Zeit erkannt hat, darum, in unserer Zeit die Gedanken zu finden, die uns über die Schäden hinausheben. Das war ja in jeder Epoche nicht abgeschlossenen Lebens die erhaltende Arbeit, daß man die Eigenleben fördernden Gedanken der Zeit für sich in Dienst stellte. Der unzerstörbare Lebenswille in uns knüpft in jedem Zeitalter an diejenigen Regungen an, die die stärkste Lebensbejahung bedeuten, und in unserer Zeit ist nun einmal der soziale Gedanke der stärkste Ausdruck des Willens zu gemeinsamem Leben, wir Juden ein sozialer Organismus, das heißt nicht etwa die Hervorhebung der Bedeutung der sogenannten sozialen Pflichten, die augenblicklich das einigende Band für ein gemeinsames Arbeiten der Angehörigen der miteinander im Kampf liegenden religiösen Richtungen bilden, — diese sind erst die Sekundärerscheinungen — sondern das heißt, daß die Gesamtheit der Juden in Gegenwart und Vergangenheit und darum auch in der Zukunft unter denselben inneren Gesetzen steht, daß der Einzelne sich nicht aus sich selbst verstehen kann, sondern aus seinem Hervorgehen aus der Gesamtheit. Auf Grund dieser Wiederentdeckung des sozialen Charakters unseres Zusammenhanges entsteht das Bewußtsein von dem gemeinsamen Interesse aller, dessen deutlichstes Kennzeichen das ist, daß uns bei jedem Leid, das Juden irgendwo um ihres Judentums willen erfahren, nicht Mitleid erregt, sondern das Gefühl selbst erlebter Schmach. Auf Grund dieses Gefühls unserer sozialen Bedingtheit ist uns unsere Geschichte von den Anfängen bis auf die Gegenwart ein aus dem Bereich allgemeiner Weltgeschichte Herausragendes, uns stärker Erregendes. Der Enthusiasmus, den wir von der Kenntnis unserer Geschichte erhoffen, und in unserer Erziehungsmethode mit in Rechnung stellen, setzt das Bewußtsein jenes sozialen Zusammenhanges voraus. Aus diesem heute immer stärker werdenden sozialen Gedanken begreifen wir das Judentum als einen lebendigen Organismus, der nur aus sich selbst verstanden werden kann, der den in ihm von altersher lebendigen Gesetzen gehorcht, und den man nach seiner ganzen Geschichte erfassen muß. Das Judentum als ein lebendiger Organismus gefaßt, das befreit uns auch von der Gefahr einer in reinen Ideen und begrifflichen Abstraktionen gefaßten Religion; jeder Organismus verkörpert das allen gemeinsame