Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Ar. Mar Nirnrmann: Librvulrs Judentum Alan war sich auch über das Recht des Einflusses der Wissenschaft auf die Religionsübung nicht ganz im Klaren. In weiten Kreisen dachte man es sich so, daß der Nachweis der historischen Bedingtheit irgend eines Brauches, irgend eines Gebetes genüge, um ihnen die Berechtigung in der Gegenwart zu rauben. Bei alledem sind wichtige und entscheidende Einwirkungen der modernen Zeit noch nicht einmal berührt. So der Konflikt, der zwischen Wissenschaft und Religion entstand, dadurch daß man das wurzeln der Religion im Gefühl, ihre Bedeutung als Werterin der Gegenwart nicht genügend erkannte und den Widerspruch unterstrich, der zwischen den Lehren und Behauptungen der modernen Wissenschaft und den positiven Angaben der religiösen Urkunden in Geschichte und Naturlehre so oft — mit Recht oder mit Unrecht — zu Tage trat. So das Brachliegen der religiösen Unterweisung, zum Teil weil für die moderne Form des Religions-Unterrichtes noch nicht die geeigneten Männer in genügender Zahl vorhanden waren, zum Teil weil die politischen Parteien, denen die Juden nach Lage der Verhältnisse angehörten, dem Religionsunterricht an den Schulen feindlich oder zum mindesten uninteressiert gegenüberstanden. Nehmen wir noch hinzu, daß die Beteiligung an dem politischen Kampf um Erringung und Anwendung der Gleichberechtigung vielen als vollwertiger Ersatz für religiöse Betätigung erschien, so haben wir die Hauptpunkte angedeutet, bei denen unsere seelische Haltung von den Tendenzen und Erscheinungen der Zeit beeinflußt worden ist, eine Beeinflussung, die man fälschlich als Sucht nach Anpassung an Außerjüdisches aufgefaßt hat. Wir können diese ganze Skizze kaum besser abschließen als mit den Worten Sachs', die er über das Eindringen griechischer und römischer Kulturformen in Palästina schrieb: „Der Kulturstoff, der durcheine Zeit verbreitet ist, bildet die geistige Atmosphäre, die alle Einzelgebilde derselben umschließt . . Wissen und Nichtwissen, Urteil und Vorurteil, kurz die ganze geistige Strömung teilt sich mit unwiderstehlicher Gewalt mit, und keine Grenze, weder ein äußerlich durch die Macht aufgerichtetes Bollwerk, noch eine aus geistiger Widerstandskraft und Luft aufgeführte Schranke wird den freien Zug einer ausgeprägten Zeitrichtung abzuwehren sich vermögend erweisen." 3. wo ist nun neben so vielem Trüben und Hoffnung Zerstörenden der j)unkt, bei dem man ansetzen muß, wenn man das positive aufrichten und festhalten will, das doch unser Ziel ist? Ls kann sich vorläufig noch nicht darum handeln, zu sagen: das oder jenes ist positiv, sondern es kommt darauf" an, in unserem Seelenleben das Element zu finden, an das wir das positive, das in unserem willen liegt, anlehnen, das uns die Bürgschaft gibt, daß positives geleistet werden wird. Auf die Dauer genügen da weder j)ietät noch romantische Bewunderung, noch die bloße Erkenntnis von dem poetischen Wert und Stimmungsgehalt unserer jüdischen Gebräuche und Zeremonien in Haus und Tempel. Es muß ein Stärkeres hinzukommen. Und dieses Stärkere bietet uns auch wieder das moderne Bewußtsein. Sind wir Kinder unserer Zeit im Bösen, um so lieber dürfen und werden wir es sein im Guten. Da sehen wir als einen der stärksten Faktoren in der seelischen Haltung der Zeitgenossen den Gedanken der sozialen Bindung, wir beobachten dies bei allen Erscheinungen innerhalb des Kulturlebens der Gegenwart: zunehmendes Bewußtsein der auflösenden Wirkungen des Subjektivismus führt zur Betonung des sozialen Zusammenhanges der einzelnen Individuen. Es ist das