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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 77

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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Ar. Mas Pisttumanit: Fidrrales Judentum 77 das Leben der Gegenwart auf die Sinne entsendet, in der Fülle der Einzelkenntnisse, die die Differenzierung der Wissenschaften unserem Denken einfügt. Und schon sehen wir ja auch, wie die menschliche Natur die Unmöglichkeit und Gefährlichkeit dieses Zustandes erkennt und nach dem Heilmittel lechzt, und wie die Menschen nach dem suchen, was ihnen zur Lebensmacht werden soll, die einen in der Kunst, die andern in der reinen Ethik — alles nur das unbewußte Sehnen nach Religion. Und so ist es zu verstehen, wenn wir mit unserer Forderung, daß das Judentum wieder eine Lebensmacht in uns werden soll, zugeben, daß es bisher trotz aller im vorigen Jahrhundert gemachten Anstrengungen das nicht geblieben ist, eben infolge der unvermeidbaren Einflüsse des modernen Lebens auf unsere seelische Haltung. Mancherlei kommt noch hinzu, um das zu verschärfen. Denken wir z. B. an das so stark in der Gegenwart zu Tage tretende Streben, sich auszuleben, nicht in dem Sinne des Genießens, sondern im Sinne des werte- Schaffens. Liegt schon zunächst in dieser Sehnsucht die Möglichkeit des Hinausgleitens aus der beherrschenden Macht der Religion, so treten dem Juden noch ganz andere Hemmungen entgegen, als jedem anderen. Wenn solche starke Schaffenssehnsucht, beruhend auf dem stolzen Gefühl eines starken Könnens, zusammengeriet mit einer schon vorhandenen Vereinzelung des betreffenden Juden, in einem, dessen Wille zum Zusammenhang mit seinen Glaubensgenossen schon ohnedies geschwächt war, dann siegte so und so oft der Drang zum Wirken und Werte-Schaffen, und das Judentum zog den Kürzeren. — Denken wir ferner an all die Schädigungen des Familienlebens, die wir beklagen. Sie sind zum großen Teile bedingt durch die modernen Formen des Wirtschaftslebens, das nicht mehr wie früher nur den Hausherrn in den Erwerb führt, sondern schon in den Schichten des Mittelstandes die Hausgenossen ins Joch spannt, oft noch an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten, fodaß die Möglichkeit des Zusammenseins und gemeinsamer religiöser Feier im Hause stark gemindert und nur bei starker Willensanspannung möglich ist. Aber auch innerhalb der Religion, oder besser gesagt in der Auffassung vom Wesen der Religion, lagen Möglichkeiten, die zum Zerreiben und Sichverflüchtigen führten. Man war in den Zeiten, in denen die Reformbewegung des vorigen Jahrhunderts stark war, damals als — man mag lobend oder tadelnd ihr gegenüberstehen — mehr Leben in Israel war als in unserer Mitte bis vor Kurzem, man war damals sehr stark von rationalistischer! Strömungen ergriffen. Eigentlich war ja die Zeit entwicklungsgeschichtlich längst über den Rationalismus hinausgewachsen, aber noch spukte in den Köpfen der Gebildeten der Gedanke an eine „natürliche Religion", an eine aller Dogmen und aller Symbole und aller Formen entkleideten Religion, die den natürlichen Ideenbestand der Menschheit — wenn es so etwas gäbe — verkörpern sollte, die so einfach sein müsse, daß sich alle auf sie einigen könnten. Unwillkürlich fühlte man sich im Zuge der Entwickelung auf solch ein Ziel hin. So sah man alle Formen des Judentums als Zufallserscheinungen an, über die man hinaus müsse. Der reine Ideengehalt, gleichsam eine destillierte Religion, sollte erarbeitet werden. Eine gewisse Feindschaft oder Gleichgiltigkeit gegenüber dem wert der Symbole machte sich geltend. Noch hatte man nicht deutlich begriffen, daß jede Religion gleichsam ein Organismus für sich selbst ist, der nach eigenen Gesetzen arbeitet und sich entwickelt, nur aus sich heraus verstanden werden kann und in seinen Erscheinungsformen auf ganz bestimmte Träger zugeschnitten ist.

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