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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 76

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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76 Ar. MaL Airnrmunn: Liberales Judentum die mit dieser seelischen Haltung zunächst verbunden sind. Es ist die geradezu notwendige erste Folge jeder individualistischen und subjektivistischen Anschauungsweise, daß ihre Träger zunächst in eine gewisse Unordnung, in eine Desorganisation geraten. Das ist ein Ergebnis, das eigentlich schon im Namen liegt. Es ist so natürlich, so durchaus zu begreifen, daß im Augenblick, wo man von den Lehren des Individualismus und Subjektivismus getroffen wird, man vorerst alles das betont, was dem Einzelnen eigentümlich ist, daß man sein Recht zur eigenen selbständigen Beurteilung ohne jede Schranke setzt. Wirtschaftlich prägte sich das aus in dem schrankenlosen Egoismus des \ty. Jahrhunderts, wie er bis zum Durchbruch sozialer und sozialistischer Gedanken herrschte. Religiös mußte, bei dem persönlichen Moment, das an und für sich schon in der Religion ist, dieser Zerfall der Gesamtheit in Einzelindividuen natürlich noch viel tiefer gehen. So bildete sich allmählich jener Zustand heraus, an dein wir heute kranken, jener Zustand der Zerfahrenheit und grenzenlosen Unordnung, bei dem es keine Norm und keinen Halt gibt, wo jeder seine besondere Schattierung in den religiösen Anschauungen hat, jeder die Uebungen der Religion anders wertet. Jener Zustand, bei dem Allzuvielen der Zusammenhang mit der Gesamtheit so ins Schwinden geraten ist, daß sie ihr Gefühl der Verantwortlichkeit der Gesamtheit gegenüber verloren haben, weil sie die Gesamtheit der Ideen, Gedanken und Formen, die zusammen das Gebäude der Religion ausmachen, nicht mehr zu sehen vermögen, sondern nur ihr persönliches Bedürfnis und ihre perfönliche Denkweise. Aber das ist noch nicht alles, ist nur der Grund, aus dein sich all die anderen Schäden weiterhin ergeben, all die Schäden, die wir nur andeuten können; denn die meisten dieser Einwirkungen des modernen Lebens müßten noch durch Spezialuntersuchungen in ihrer ganzen Schwere und Verzweigung gezeigt werden. Alles, was in der unmittelbaren Gegenwart auf uns einstürmt, sind nur Erscheinungen, die im Zusammenhang mit der ganzen Form des subjektivistischen Seelenlebens stehen. Da ist die verwirrende Fülle der Reize, die das Leben, speziell in den Großstädten, auf uns entsendet, und die bei allem Gewinn und aller gesteigerten Empfindungsfähigkeit, die sie uns geben, doch vor allem uns zerstreuen, d. h. durch ihre Fülle die Einheit unseres inneren Lebens zerstören. Freilich müßte da gerade die Religion als der Faktor, der die Einheit in all den zerstreuten Empfindungen und Strebungen herstellt, nur um so notwendiger sein. Und in der Tat auf Grund dieser entsetzlichen Anfüllung mit Reizen, die den an sich schon isolierten und vereinsamten Menschen noch innerlich zersplittern und feine zusammengehörigen Geisteskräfte vereinzeln, entsteht ja zumeist diese Sehnsucht, dieser Schrei nach Religion, der unsere Kultur Menschheit genau so durchzittert, wie einstens das absterbende griechische und römische Heidentum. Aber zunächst und bis man diese Sehnsucht fühlt, ist die Wirkung des modernen Lebens eine andere, nämlich, daß den Menschen das Gefühl abhanden kommt, daß es überhaupt einen seelischen und geistigen Faktor geben kann, der in uns zur Lebensmacht werden kann. Den Menschen vor unseren Tagen und dem Juden im Besonderen war es ein Selbstverständliches, daß etwas sein muß, dem alle anderen Regungen des Geistes untergeordnet sind, und das konnte ihnen nichts anderes sein als die Religion. In der Gegenwart ist allzuvielen der Glaube an die Möglichkeit, daß eine Saite des Seelenlebens allen anderen Klang verleiht, verloren gegangen, verloren gegangen eben in der Fülle der Reize, die

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