Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 4 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Mas Airnrrrrann: Fibrralrs Iudenturn 75 Gewordenen, in der rückhaltlosen Billigung der Zustände und Gewohnheiten, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben; es folgt ferner, daß wir mit aller Entschiedenheit bei der Bewertung der liberalen Juden den Vorwurf zurückweisen müssen, daß ihre Stellungnahme aus einem Mindermaß von religiöser Gesinnung stammt, daß ihre Maßnahmen von der Sucht nach Bequemlichkeit diktiert sind. Dem wirklich liberalen Juden ist es mit seinen Forderungen genau so tief ernst, sein religiöses Gefühl und seine Sorge um die Erhaltung, Befestigung und Zukunft des Judentums ist genau so stark wie nur bei irgend einem orthodoxen Süden. Nnd auch gegen den Vorwurf müssen wir mit aller Schärfe uns wenden, der uns mit dem blöden und unverstandenen Schlagwort „Assimilation" ins Gesicht geschleudert wird, daß der liberale Sude aus der Sucht nach Außerjüdischem handelt, daß er in den Formen und Gedanken anderer Religionen das Muster sieht, nach dem er seine Religion einrichten will, daß sein letztes Ziel, — bewußt oder unbewußt — die Anpassung an die Umwelt bis zur Vernichtung aller jüdischen Eigenart sei. wir können gegen diesen Anwurf uns gar nicht scharf genug wenden, weil er eine Unterstellung ist, die mit dem schweren Zweifel an unserer Ehrlichkeit den Kampf in den Bereich des Gemeinen hinabzieht. Die Sache liegt doch so, daß nicht wir ans einer törichten Sucht nach Neuem die Anpassung an Außerjüdisches suchen, sondern daß unwillkürlich die ganze seelische Haltung des Zeitalters uns beeinflußt, — den einen mehr, den anderen minder — und daß eben aus dieser unvermeidbaren Beeinflussung durch das Seelenleben der Gegenwart all die Probleme entstehen, um deren Lösung wir ringen. Vielleicht ist es nützlich, da einmal näher zuzusehen, wo die zersetzenden und wo die positiv fördernden Faktoren des modernen Seelenlebens liegen, um von da aus uns zu verstehen, wie wir geworden sind und wo wir ansetzen müssen. 2. Skizzieren wir zunächst einmal die Einflüsse, die aus dem Seelenleben der Gegenwart in uns hineindrangen, und die abzusperren manchmal ganz unmöglich war. Da nahmen wir zunächst Teil an dem herrschenden Zuge der Zeit, wie er sich ausprägte in der immer stärker betonten Selbständigkeit des Sndividuums. Sndividualismus und Subjektivismus, beide gipfelten sie in dem Gedanken der religiösen Freiheit des Einzelnen. Wir Süden traten im vergleich zu den übrigen Völkern verhältnismäßig spät in diese Entwicklung ein. während der Sndividualismus in seinen Anfängen im Sahrhundert in die europäische Kulturwelt hineinzieht, während er nach der Reformation machtvoll seinen Siegeszug antritt, während über den Sndividualismus hinaus subjektivistische Gedankenreihen und Gefühle im s8. Sahrhundert ihre Herrschaft beginnen, eine Herrschaft, unter deren Bereich wir auch jetzt in einem wiederum erheblich fortgeschrittenen Stadium leben, traten wir Süden erst in den Moment, da die Schranken des Ghetto fielen, in den Bereich bieses Seelenlebens hinein. Aber nun stürmte es dafür um so tiefer auf uns ein; dazu kam noch, daß es ja eigentlich auf verwandte Saiten im Sudentum traf. Solche Gedanken wie „jedermann sein eigener Priester, jedermann frei in unmittelbarem Verkehr mit seinem Gotte, jedermann selbst der Träger allen Heils," das alles waren ja Sdeen, die inmitten des Sudentums uralt und selbstverständlich waren. So stürzte man sich denn kopfüber in das moderne Seelenleben hinein, und in demselben raschen Maße, in dem man sich in die Anschauungen der modernen Zeit hineinlebte, kamen auch all die verheerenden Wirkungen,