Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1908-01-01 · 4 (1908) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
4 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126487--0084-3126849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

74 Ar. Mas Aienrrnann: FibrraLrs Judentum Recht, die einzelnen Erscheinungsformen der Religion in Idee und frommer Uebung auf ihre Berechtigung, auf ihren Zusammenhang mit den Erfordernissen der Zeit ihrer Entstehung, auf ihren Grund und Zweck zu prüfen. Dadurch kommt es ferner dahin, daß man sich den Ausdruck seiner religiösen Handlung nicht vorschreiben lassen will, sondern daß man zunächst nach seinem persönlichen Bedürfnis fragt. Das ist das Entscheidende, man verträgt eine Bindung von oben herab durch Dogma oder Gesetz und Wort nicht mehr, und selbst da, wo man die Autorität anerkennt, indem man das, was als vorgeschrieben gilt, als berechtigt, ja als notwendig, anerkennt, billigt man es nicht darum, weil man es vorgeschrieben findet, sondern erst dann, wenn man es selbst nachprüfend und nachschaffend bekräftigt, wenn man in ernstem Ringen mit sich und mit den widerständen von außen her in freier Erkenntnis jene von der 'Autorität getragene religiöse Lehre als die beste Methode zur Erweckung der religiösen Gefühle, als die sicherste Bürgschaft für eine zukunftsreiche Entwicklung der Gesamtheit findet. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß diese Hervorhebung des persönlichen Moments nicht identisch ist mit der Forderung der Beseelung der religiösen Handlung, daß man nichts tun soll ohne inneres Empfinden, daß man der Handlung die Gesinnung hinzufügen muß, wenn sie religiös sein soll; es kommt dem Liberalen nicht bloß auf das persönliche, sondern auf die persönliche Freiheit an. Und insofern ist auch das, was wir Entwicklung der Religion nennen, weniger Entwicklung der Religion als vielmehr in der Hauptsache Entwicklung der Individuen, Entwicklung unserer selbst. Nicht daß wir den Gedanken der Entwickelung der Religion leugnen wollten — wer könnte die ungeheuren Wandlungen verkennen, die das Judentum im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat — aber das, was in unseren Tagen uns als Entwickelung des Judentums erscheint, ist doch nur der Ausdruck der Erkenntnis, daß wir Juden uns entwickelt haben, wir selbst als Einzelindividuen und die große Masse der heutigen Iudenheit gegenüber den Juden früherer Jahrhunderte. Wir haben eine ganz andere seelische Haltung gewonnen, andere Denkweise, andere Bedürfnisse, und da trotz aller Veränderung der Denkart und Anschauungsweise das religiöse Bedürfnis bleibt, so suchen und tasten wir nach Befriedigung unserer religiösen Bedürfnisse in Formen, Gedanken und Stimmungsvorgängen, die nicht auf anders geartete Verhältnisse zugeschnitten waren. Natürlich hat man dies ausschlaggebende Moment der veränderten seelischen Haltung des modernen Menschen, das Bedürfnis nach persönlicher Durchdringung aller religiösen Uebung längst erkannt, nur daß die Orthodoxie geglaubt hat, diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen, wenn sie — wie die führenden Geister der Neoorthodoxie es stets taten — die innere Beseelung der Bräuche forderte, während der liberale Jude noch außerdem die Freiheit von Autoritätsbindung verlangt und sich selbst gibt. Darauf kommt es an, der innere Verxflichtungsgrund wird als ein aus der eigenen Persönlichkeit fließender und nicht von außen her vorgeschriebener empfunden. Das kennzeichnet den liberalen Juden, und das unterscheidet ihn, es unterscheidet ihn nicht etwa der geringere Ernst. Der Ernst, der tiefe sittliche Ernst, die Energie, mit der er seine religiösen Bedürfnisse sich selbst zum Bewußtsein bringt und auf ihre Erfüllung drängt, muß bei ihm mindestens so stark sein, wie nur bei irgend einem anders gerichteten Juden, sonst ist er eben kein liberaler, sondern ein indifferenter Jude. Aus dem Gesagten folgt, daß liberales Judentum nicht etwa im Abschaffen sein Ziel hat, im bedingungslosen Sanktionieren des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.