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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 3 (1908) · p. Seite 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
3 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 70 (sequence 22)
Language
German
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70 Nurrdfcharr. seinen Augen untergraben können, vollständig verfehlt ist es allerdings, durch eine gewaltsame Interpretation eine Uebereinstimmung zwischen der Bibel und der modernen Naturwissenschaft nachzuweisen, die sechs Schöpfungstage als ebensoviele Weltperioden zu deuten und aus einzelnen Aeußerungen sogar, wie das auch schon geschehen ist, zu schließen, daß selbst die Entwicklungslehre in dem \. Kapitel der Genesis zu finden fei. Falsch ist auch jener oft gehörte Satz: „Die Bibel will gar nicht Geologie und Naturgeschichte offenbaren; ihr ist es nur um die Verkündigung religiöser Wahrheiten zu tun." Der Verfasser des ersten Schöpfungsberichts wollte ganz gewiß auch ein wissenschaftliches Interesse befriedigen; daß sich ihm aber die Belehrung umwandelte in einen Hymnus auf die Größe Gottes und die geistige würde des Menschen, ist in seiner Eigenart und in der des Volkes, in dem er lebte, begründet. Man gebe zu, daß die alten Israeliten von der Entstehung der Welt nicht mehr wußten als die übrigen Völker jener Zeit; was sie vor ihnen voraus hatten, und was ihnen und ihrer Literatur ihre einzigartige Bedeutung innerhalb der Geschichte der Menschheit gegeben hat, war eben ihre ganz an religiösen Gesichtspunkten orientierte Auffassung vom Geschehen in der Natur sowohl wie in der Menschheit. Ich kann mich in dieser Zeitschrift, deren Aufgaben nicht eigentlich auf pädagogischem Gebiete liegen, nicht ausführlicher über den Unterricht in der Bibel auf der Oberstufe aussprechen, dessen Hauptzweck ist, die Schüler mit der religiösen Entwicklung des israelitischen Volkes bekannt zu machen; aber ich glaube auch so gezeigt zu haben, daß ein Unterricht, dessen Ziele ich hier gekennzeichnet habe, wohl geeignet ist, religiöse Gesinnung zu fördern, nicht niederzureißen und zu zerstören, sondern zu pflanzen und aufzubauen. Vielleicht tragen meine Ausführungen dazu bei, das Mißtrauen zu beseitigen, das selbst liberale Eltern zuweilen einem so erteilten Unterricht in der Bibel entgegenbringen, einem Unterricht, für den Rirschstein, einer unsrer besten Pädagogen, schon vor nahezu ^0 Jahren in seiner j)rogrammabhandlung „Die Bibel, insbesondere die biblische Geschichte"*) mit aller Wärme eingetreten ist, ohne allerdings damals seiner Stimme Gehör verschaffen zu können. „Es ist an der Zeit," so sagt er am Schlüsse seiner Abhandlung, „„die Form zu durchdringen und den Geist zu erlösen, den Geist, der in eigener, bewunderswerter Arbeit gestrebt hat, sich seinen Gott zu erschließen, diesen heiligen Gott sich zu eigen zu machen und nach dem Bilde dieses heiligen Gottes das Menschenleben zu gestalten; es ist an der Zeit, diesen heiligen Gottesgeist, der in der Bibel seine Schwingen entfaltet und zum Fluge in die Höhe ethischer Idealität mit sich fortreißt, in reiner, ungetrübter Wahrheit in den Schulen, in den Kerzen unserer Jugend, in ihrem Geist und Gemüt wieder zu beleben."**) *) Wieder abgedruckt in den aus seinem Nachlaß herausgegebenen Wissenschaftlichen Abhandlungen Berlin I90i, S. 86-65. **) Anmerkung der Redaktion. Wir bemerken hier ein für allemal, daß weder die Vereinigung für das liberale Judentum. «och auch die Redaktion die Vertretung für jede Ansicht oder jeden Vorschlag übernimmt, die in den unter dem Namen ihrer Antoren erscheinenden Artikeln geäußert werden. Rundschau. te Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland zählt zur Zeit über ^000 Mitglieder. Ortsgruppen haben sich in fast allen größeren Gemeinden gebildet oder sind im Entstehen begriffen. Am Oktober fand in Frankfurt a. M. eine vom freisinnigen verein für jüdisches Gemeindeleben, der Frankfurter Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale . Judentum, einberufene Mitgliederversamm-

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