Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nektar Ar. Gutrnsnn: Unsere Auffassuns nan der Sikrt 69 land geprägt wurde: Gott blies, und sie wurden zerstreut. Erzählungen, wie die Opferung Isaaks, die Berufung ZTCofes, werden dadurch ihres wunderbaren Charakters entkleidet, daß die Unterredung zwischen Gott und dem Menschen gedacht wird als ein Seelenvorgang des Menschen, bei dem er Gottes Stimme in seinem Innern vernimmt. Die Einkleidung ist auch hier zu erklären als eine Eigentümlichkeit der biblischen Darstellung, die aber wieder Zeugnis ablegt von dem tief religiösen Geiste der sich in innigem Verkehr mit Gott fühlenden Frommen in Israel. Allerdings wird die Anwendung des eben empfohlenen Weges in Anbetracht des Alters der Schüler, denen sie gewöhnlich geboten werden, nur selten möglich sein; aber ein Schade wäre es gewiß nicht, wenn wenigstens die Opferung Isaaks möglichst spät behandelt würde. Nur in den seltensten Fällen wird man auch, wie z. B. Rirschstein vorschlägt, schon ruf dieser Stufe die Fürbitte Abrahams ,ür die Sünder darstellen dürfen nicht als eine wirkliche Unterredung, sondern als die Dichtung eines frommen Israeliten, der beim Ueberdenken des furchtbaren Geschicks der blühenden Städte sich mit dieser Unterredung die Antwort gibt auf die bange Frage: „Rann der Richter der ganzen Erde den Unschuldigen mitsamt dem Schuldigen vernichten?" Hat der Lehrer so die religiösen und sittlichen Wahrheiten unermüdlich in den Vordergrund gerückt und allmählich in den Schülern das Bewußtsein reifen lassen, daß allein der Geist der biblischen Erzählungen ihren Lvert ausmacht, so kann später die direkte Bezeichnung gewisser Erzählungen als Sagen keinen Schaden anrichten. Ist bei der Behandlung Elias die Bedeutung dieses Propheten erkannt worden in seinem machtvollen Eifern für den einzigen Gott und die Aufrechterhaltung des Rechts als einer von Gott eingesetzten und beschützten Ordnung, so kann seine Gestalt nur noch gehoben werden dadurch, daß nun gezeigt wird, wie der Prophet in den Augen des Volkes so ins Ungemessene wuchs, daß ihm auch die Herrschaft über die Natur zugeschrieben wurde. Und ist es nicht wieder ein Beweis für den eigenartigen Geist des israelitischen Volkes, daß es einen religiösen Melden in dieser Weise verherrlichte? An einem Beispiele möge noch gezeigt werden, wie eine biblische Erzählung bei reifen Schülern zu behandeln ist, damit ihre Idee recht erkannt werde. Ich wähle als solches den ersten Schöpfungsbericht, der mit seinenr Widerspruch gegen die Lehren der Wissenschaft schon so manchen nicht nur in seinem Glauben an die Autorität der Bibel, sondern in seinem Glauben überhaupt wankend gemacht hat. Der Schöpfungsbericht ist darzustellen als das Ergebnis des Nachdenkens eines weisen Israeliten über die Entstehung der Welt, der aber die frommen Gedanken über die Weisheit und Güte Gottes und über die Würde des Menschen, die unter den Besten seines Volkes lebten, in seinem Bericht verwoben hat, und die nun seinen eigentlichen Wert ausmachen. Daß wir uns die Entstehung der Welt anders denken, ist in Anbetracht der Fortschritte, die die Wissenschaft seit der Abfassung jenes Berichtes gemacht hat, nicht zu verwundern; aber in Bezug auf die Stellung Gottes zur Welt und die des Menschen innerhalb der Welt, ist die geläutertste Frömmigkeit unserer Zeit über die religiösen Gedanken des biblischen Schöpfungsberichts nicht hinausgegangen. Man darf sagen, das sind Ewigkeitsgedanken, auf die keine fromme Weltanschauung jemals verzichten kann. Wenn der Lehrer den Schäpfungsbericht so behandelt, daß der Schüler fri diesen religiösen Ideen feinen eigentlichen Wert erkennt, dann ist nicht zu befürchten, daß Bücher, wie „Moses oder Darwin" einmal die Autorität der Bibel in