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Liberales Judentum · 1908-01-01 · 3 (1908) · p. Seite 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
3 (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 68 (sequence 20)
Language
German
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68 Vektor Ar. Grrtrnann: Unsere Auffassung von der Kidet wir es zu tun haben, der Bibel gegenüber einen unbefangenen Standpunkt einnehmen, der hat doch wohl feine Aufgabe an der ihm anvertrauten Jugend nicht recht erkannt. Ist es sicher, daß der Jüngling in seinen späteren Kämpfen immer einen ernsten, vorsichtig und behutsam führenden Menschen zur Seite haben wird, der ihn aus seinen Zweifeln heraus auf den rechten weg leiten wird? Ist nicht vielmehr zu befürchten, daß Leichtsinn und Unverstand die Führung übernehmen werden, und daß mit dem Glauben an die göttliche Herkunft der Urkunde der Religion die Religion selbst für immer aufgegeben werden wird? Es liegt daher im wohlverstandenen Interesse des werdenden Menschen, daß er schon beizeiten angeleitet werde, den Geist der Bibel zu erfassen, den Kern von der Schale zu unterscheiden, einzusehen, daß er es hier zu Lun habe mit einem Gefäße voll des heiligsten Inhalts, wenn auch das Gefäß die Spuren der Zeit an sich trägt, in der es verfertigt wurde, zu erkennen, daß sich ihm in der Bibel Ewigkeitsgedanken enthüllen, die allerdings nicht frei sind von den Spuren, die ihnen anhaften, weil sie durch endliche Medien hindurchgegangen sind. Auf welche Meise sollen nun die Schüler in diese Auffassung der Bibel eingeführt werden? Das kann natürlich nur geschehen, wenn der biblische Unterricht von der Mittelstufe an von dieser Auffassung beherrscht wird. Die Unterstufe scheidet hier selbstverständlich gänzlich aus. Der Gott der Genesis, der mit den Menschen verkehrt wie ein guter Herr mit seinem Diener, wie ein Freund mit seinem Freunde, ist ja gerade der Gott der Kinder; das wunderbare ist für sie das Natürliche, und es hieße den Erzählungen auf dieser Stufe nicht nur allen Zauber, sondern auch alle Wirkung raubten, wollte man sie den Kindern nicht so geben, wie die Bibel sie bietet. Auf der Mittelstufe liegen die Verhältnisse schon anders. Da regen sich schon Zweifel in den Seelen der Kinder, und auf ihre Fragen muß der Lehrer eine Antwort haben. Noch besser ist es aber, wenn er so verfährt, daß sich die Antwort ganz von selbst aus dem Unterrichte ergibt. Wenn einzig und allein der religiöse und sittliche Geist der Bibel ihre Bedeutung ausmacht, so hat der Lehrer vor allem die Aufgabe, den Schülern zürn Bewußtsein zu bringen, daß es in erster Linie auf den religiösen und sittlichen Kern der Erzählungen ankommt, und daß die Erzählung unwesentlich ist gegenüber dem Gedanken, der durch sie veranschaulicht werden soll. Dann ist der Unterschied zwischen der traditionellen und der modernen Auffassung von der Bibel gar nicht groß; denn auch bei der traditionellen Auffassung ist doch wohl nicht der Glaube an die objektive Wahrheit einer Wundererzählung die Hauptsache, sondern die Veranschaulichung des Gedankens von dein gütigen Gott, der in der Not zu helfen bereit ist. Hat der Lehrer aber diesen Gedanken kräftig hervortreten lassen, so schadet es nichts, wenn die Einkleidung als eine dem Morgenländer eigentümliche bilderreiche Redeweise angesehen wird. Die religiöse Bedeutung der Erzählung von der plötzlichen Aufhebung der Belagerung Jerusalems durch Sanherib liegt doch wohl darin, daß der fromme Berichterstatter, und wir mit ihm, in der so folgenreichen Rettung Judas den Finger Gottes sehen. Daran wird aber nichts geändert, wenn an dem Engel des Herrn, der in einer Nacht \85 000 Mann schlägt, nicht buchstäblich festgehalten, sondern wenn darunter der Tod verstanden wird. Ein Hinweis auf ähnliche Ausdrucksweisen selbst bei Darstellung von Ereignissen der neueren und neuesten Geschichte wird dem Schüler die bildliche Redeweise noch verständlicher machen. Ls sei erinnert an die Inschrift der Münze, die nach der Vernichtung der Armada in Eng-

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