Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Rektsr Av. Gutmann: Unsere Auffassung von der Aibel 67 pädagogische Rücksichten maßgebend sind. Marl will keinen Zwiespalt Hervorrufen zwischen Eltern und Rindern, will keinen Zweifel tragerr in die Herzen unbefangener, auch das Wunderbare gläubig hinnehmender Schüler, man fürchtet, die Bibel von dem hohen s)iedestal herunterzustürzen, das ihr naive Frömmigkeit und tiefe Ueberzeugung von ihrer singulären Bedeutung errichtet haben, ihr etwas zu rauben von dem sittlichen und religiösen Einfluß, den sie zunr Segen eines großen Teils der Menschheit seit Jahrtausenden ausgeübt hat und noch ausübt. Aber Erwägungen mannigfacher Art sind diesen gewiß nicht unwichtigen Bedenken gegenüberzustellen, von denen hier nur einige angeführt seien: Es heißt dem guten Geist, der aus der Bibel spricht, wenig Vertrauen entgegenbringen, wenn man fürchtet, daß sein Einfluß aufhören wird, sobald er nicht mehr für unmittelbar göttlichen Ursprungs gehalten wird. Und erfahren wir Religionslehrer es nicht alle Tage, daß wir den Geist des Zweifels erst gar nicht in die Kerzen unsrer Schüler zu tragen brauchen? Schon die kleinsten Schüler stellen zuweilen Fragen, aus denen deutlich hervorgeht, daß die Unbefangenheit, mit der früher die Jugend die biblischen Erzählungen aufnahm, fast gänzlich dahin ist. Und schließlich, ist es denn wahr, daß die von der modernen Bibelwissenschaft gelehrte Auffassung von dem Wesen und Wert der Bibel nur zerstörende Wirkungen ausübt? Sie ist im Gegenteil geradezu geeignet, in dem jungen Menschen das wieder aufzubauen, was in ihm in dem Augenblicke zerstört ward, da er nach langen, schmerzlichen Rümpfen einsah, daß die Bibel nicht auf übernatürliche Weise entstanden ist, da er geradezu Schwächen an ihr entdeckte, und da mit dem Schwinden des Glaubens an die unmittelbar göttliche Herkunft der Bibel der Glaube an ihre Größe überhaupt verloren ging. Nicht treffender kann die Bedeutung der biblischen Wissenschaft für die religiöse Erziehung charakterisiert werden, als dies in den Thesen geschehen ist, die im Anschlüsse an einen Vortrag Dr. Warschauers in Berlin: „Sollen die Resultate der modernen biblischen Wissenschaft in der Schule mitgeteilt werden, und in welcher weise soll das geschehen?" von der wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin beschlossen worden sind, und deren wichtigste deshalb hier mitgeteilt werden mögen:*) s) Das von der modernen biblischen Wissenschaft entworfene Bild der religiösen Entwicklung des israelitischen Monotheismus beseitigt den mit unserer Weltanschauung unverträglichen, daher oft den eigentlichen religiösen Glauben gefährdenden Wunderglauben. d) Es ermöglicht die Beseitigung resp. eine Erklärung solcher biblischen Anschauungen, die mit unserem fortgeschrittenen religiösen und sittlichen Bewußtsein nicht vereinbar sind. e) Es stellt uns einen einheitlichen, vom Niederen zum Hohen aufsteigenden Geschichtsverlauf dar, der das religiöse Gefühl weckt und mächtig anregt, da hier wie sonst nirgends in der menschlichen Geschichte das machtvolle Durchbrechen der religiös-sittlichen Ideen, die Macht des Guten im Leben der Menschheit geschildert wird. wer aber die Verwertung der Bibelwissenschaft mit dem Einwande ablehnt, daß ein solches Interesse an der objektiven Wahrheit des Inhalts der Bibel sich erst in reiferem Alter rege, daß erst dann jene Zweifel auftreten, die die Seele manches jungen Menschen bis auf den Grund zu erschüttern imstande sind, daß die Schüler aber, mit denen *) Sie sind vollständig abgedruckt S. \7 f. der Festschrift, die aus Anlaß des lOjährigen Bestehens der Wissenschaft!. Vereinigung herausgegeben wurde.