Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Rektor Ar. Gutrnsnn: Unsere Auffassung von der Bibel oo o o des israelitischen Volkes, der sich in ihr offenbart. Israel ist das klassische Volk der Religion gewesen, und wenn wir es das auserwählte Volk nennen, so gebrauchen wir damit nur ein anderes Wort für die geschichtlich feststehende Tatsache, daß in keinem anderen Volke die Religion eine so das ganze Lieben beherrschende Macht gewesen ist wie in dem israelitischen. Und die Bibel ist das Zeugnis dieser großartigen und einzigartigen religiösen Gedankenwelt. Sie führt nicht wie die profane Geschichte die Wandlungen im Leben der Völker und einzelner Personen auf menschliche Wirkungen und Gegenwirkungen zurück, sondern auf Gott, der in seiner Gerechtigkeit belohnt und bestraft, in seiner Güte und Langmut verzeiht. In den biblischen Erzählungen ist mit dem Gedanken Ernst gemacht, daß alles Geschehen in der Natur wie im Menschenleben seinen letzten Grund in Gott hat, daß sich in allem das Walten des Gütigen und heiligen offenbart. Ob die Gesetze der Bibel religiöser oder sozialer Art sind, ob sie das Verhältnis der Menschen zu Gott oder das der Menschen untereinander regeln wollen, es sind Gesetze Gottes, von dem die Ordnungen in der Natur so gut stammen wie die im Menschenleben. In der Bibel kommen die Propheten zu Wort, jene religiösen und sittlichen Genies, die ihre ganze Kraft in den Dienst Gottes und der Wahrheit gestellt haben, deren Gedanken das höchste darstellen, was jemals auf dem Gebiete der Religion verkündet worden ist. Nirgends hat fromme, gottergebene Gesinnung einen so innigen und zuversichtlichen Ausdruck gefunden wie in den israelitischen Psalmen, und nie wieder hat das Problem der Theodicee eine so tiefgehende Behandlung gefunden wie in dem Buche Hiob. So ist die Autorität der Bibel nicht begründet in ihrer vermeintlichen übernatürlichen Herkunft, sondern in ihrem einzigartigen, allein am Religiösen orientierten Inhalt. Sie ist nicht Gottes Wort, sondern sie enthält Gottes Wort. Denn wer da glaubt, daß das Gute eine Macht in der Welt ist, daß um der Verwirklichung des Guten willen der Mensch da ist, der muß, wie er Israel um der Schöpfung der Bibel willen eine providentielle Sendung zuschreibt, auch dem Buche, in dem die religiöse Gedankenwelt Israels ihren Niederschlag gefunden hat, eine Bedeutung beimessen, die es hoch hinaushebt über alle anderen Erzeugnisse der Weltliteratur, er darf es ein heiliges Buch nennen. Und auch die Spuren davon, daß die religiösen Gedanken in Israel nicht gleich von vornherein in vollkommener Klarheit und Erhabenheit aufgetreten sind, daß sie eine lange Entwicklung durchgemacht und erst allmählich jene Höhe erreicht haben, über die die Menschheit niemals hinausgelangen wird, solange es überhaupt religiöses Leben gibt, möchten wir nicht missen: Ist uns die Tatsache dieser Entwicklung doch ein Beweis mehr für die sich immer mehr durchsetzende Macht des Guten innerhalb der Menschheit. Sollen wir nun im religiösen Unterricht der Jugend das Heranwachsende Geschlecht mit einer solchen Auffassung von der Bibel bekannt machen? Diese Frage wird von vielen, selbst liberalen Rabbinern und Lehrern verneint. Rabbiner und Laien haben ihre warnende Stimme erhoben gegen die im Programm enthaltene Forderung, die gesicherten Ergebnisse der Bibelwissenschaft im Religionsunterricht zu verwerten, und die hier vorgetragene Auffassung von dem Wesen der Bibel ist gewiß eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Wissenschaft, zu der alle übrigen, wenigstens soweit unser religiöses Interesse in Frage kommt, sich nur verhalten wie die einzelnen Beweisstücke zur Behauptung. Es soll nicht verkannt werden, daß für eine solche Zurückhaltung in den meisten Fällen