Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Airrktor Nr. Adlrr: Religion und Unterland fluchwürdige Wucher und der elende Hausierhandel als Erwerbszweige gelassen wurden, führte eine schroffe Scheidewand auf, die sich von Jahrhundert zu Jahrhundert noch vergrößerte und die Juden gewaltsam wieder zur fremden Nation preßte. Aber kaum war diese Gewalt vor dem Gedanken der Humanität, der in der Zeit der Aufklärung alle Nationen mit unwiderstehlicher Kraft in seinen Zauber bannte, gewichen, da zeigte es sich, wie künstlich jene Trennung gewesen war: Wie das Wasser durch die geöffneten Schleusen in gewaltiger Strömung dahinbraust, so tauchten in Hellem Jubel die so lange Zurückgehaltenen in die deutsche Kultur, an deren Anfänger! ihre Vorfahren mitgearbeitet, in überraschend kurzer Zeit wurde diese Kultur ihr geistiger Besitz, fühlten sie sich, wie ehedem, als Brüder bei den Brüdern. Der Wille der Zugehörigkeit zur deutschen Nation hat seit jener Zeit die Abkömmlinge des jüdischen mit denen anderer Stämme, aus denen unsere Nation zusammengesetzt ist, fest und unauflöslich aneinander gekettet; lediglich dieser subjektive Wille ist und bleibt nach dem Ausspruch der hervorragendsten Forscher und Staatsmänner (eines Richard Boeckh, Gustav Rümelin, des Völkerps^chologen Moritz Lazarus, des Geographen Alfred Kirchhofs, unseres Bismarck), das Merkmal des Volksbegriffs; diesem Willen, Deutsche zu heißen und zu sein, verdankt diese Anstalt ihre Begründung, und sie hat diesem Willen in derr mehr als (00 Zähren ihres Bestehens bei jeder Gelegenheit klaren und offenen Ausdruck gegeben. Wie hier deutsche Wissenschaft nach deutscher Art von den Lehrern gepflegt und den Zöglingen übermittelt, wie die Herzen von Generationen mit dem vaterländischen Gedanken, mit Liebe zu Kaiser und Reich erfüllt worden sind, konnte bei der Jubelfeier der Schule mit gerechtem Stolz hervorgehoben werden: Was wir auch in der Zukunft hier tun und treiben, was und wie wir hier weiter arbeiten werden, wir tun es als Deutsche für das deutsche Vaterland! Diese unsere Liebe und Treue wird in unseren Reihen indes niemals zu dem überspannten Nationalgefühl, zu dem öden Chauvinismus ausarten können, der heute bei verschiedenen Nationen, und leider auch bei der unsrigen, sich unliebsam bemerkbar macht und den geistigen Horizont selbst einsichtsvoller Männer einengt und beschränkt, sie zu Selbstsucht und niedrigem Rassenhaß verleitet. Die Deutschen jüdischen Glaubens werden immer der Tatsache eingedenk bleiben, daß das Zeitalter der Herrschaft der Humanität sie aus der mittelalterlichen Knechtschaft erlöst und ihnen Menschenwürde und Menschenrechte wieder gebracht hat; bei Wahrung der national-deutschen Eigenart werden wir deshalb allzeit freudig die humanen Bestrebungen stützen und fördern und das Gefühl der Einheit des ganzen Menschengeschlechts, die Gemeinsamkeit seiner wesentlichsten Interessen pflegen. Zn diesem Streben wissen wir uns auch eins mit unseren religiösen Führern, die schon vor drei Jahrtausenden das gemeinsame Band, das die Nationen verknüpfen wird, erkannt und in Worte gekleidet haben, deren Kraft sich zu allen Zeiten bewährt hat. Nationen müssen und sollen in ihrer berechtigten Eigenart bestehen bleiben, auf daß eine Vielheit geistiger Gaben, Kunst, Wissenschaft und Gewerbe in den verschiedenartigsten Formen und in der reichsten Mannigfaltigkeit erwachsen und die Menschheit auf allen Gebieten fortschreite in der Erkenntnis der Wahrheit. Bei diesem Fortschreiten kommt aber auch — das war schon unserer alten Lehrer feste Ueberzeugung — der Mens chheitsgedanke zu seinem Recht, und die Anzeichen seines Kommens können wir schon in unseren Tagen wahrnehmen: Schon finden sich die geistigen