Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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o o O o 63 Airrktor Ar. Adler: Religion nnd Nnterlnnd sie mit ihrer Weisheit schmücken will, hat ihr oft mit der eignen Torheit gelohnt," ihre eifrigsten Anhänger haben sie ferner gar häufig, um sie vor jeder Verletzung zu bewahren und möglichst zu beschirmen, mit Büschen und Decken umgeben, die sie bisweilen so dicht unlrankten, daß sie selbst nicht erblickt werden konnte, und die Umzäunungen ihren Bekennern, namentlich seit der Zerstreuung Israels, als die Lehre selbst erschienen. Aber die Sonne der Aufklärung erhob sich am Horizont der Menschheit; sie leuchtete auch in das geistige Ghetto, das sich die Bekenner des Judentums errichtet, verscheuchte die Trübungen, zerriß die Nebel — und in ewig jungem, frischen, blühenden Glanze zeigten sich die vieltausendjährigen religiösen und sittlichen Wahrheiten, so wie sie einst von unseren erhabenen Propheten verkündet worden waren. Gegenüber der oft übermäßig gepflegten Aeußerlichkeit des religiösen Lebens wiesen jene Männer der Aufklärungszeit auf die Sittlichkeit des Wollens und Handelns als das Grundgebot unserer Lehre hin; aus den mannigfachen Schalen, die in den Jahrhunderten sich um den Kern gelegt hatten, hoben sie den eigentlichen Inhalt unserer Lehre wieder allen sichtbar heraus, und es zeigte sich, daß dieser Inhalt, die Einig-Linzigkeit Gottes und die Gottebenbildlichkeit .des Menschen, sich mit den Geistesmächten und wissenschaftlichen Ueberzeugungen aller Zeiten wohl vereinbaren läßt, daß die Ethik des Judentums, die sich auf der Grundlage des Monotheismus aufbaut und in dem Rufe an die Menschenseele „Heiligt Euch!" ihren Höhepunkt hat, das klarste und reinste Sittengesetz darstellt. Ihm hat der Prophet Micha den vollendetsten Ausdruck verliehen, und wir haben sein wort: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige j von dir fordert: Nichts anderes als das Rechte tun, Liebe üben und in Demut wandeln vor deinem Gotte," neben jener Devise der Schule als unentwegte Richtschnur für unser und der kommenden Geschlechter Handeln an einer allen sichtbaren Stelle dieses Hauses angebracht. In dieser Auffassung unseres Glaubens fühlen wir uns innig verbunden mit dem geistigen Bewußtsein aller Gebildeten der Gegenwart, insbesondere mit den Forschern und Denkern, die das edelste Reis am Baum unseres Vaterlandes bilden. Unseres deutschen Vaterlandes! Seitdem vor fast 2 Jahrtausenden die jüdische Nation mit der Zerstörung des zweiten Tempels zugrunde ging, verbindet die Bekenner des Judentums lediglich das geistige Band der Glaubensgemeinschaft; wir besitzen und wollen nicht mehr besitzen eine besondere territoriale Einheit, eine besondere Obrigkeit, die uns befiehlt, eine besondere Verfassung, der wir gehorchen, besondere Sitten und Muttersprache. Nach göttlicher Fügung sind wir zerstreut worden unter die Nationen, um in und mit ihnen für das religiössittliche Ideal, das ich soeben bezeichnet habe, zu wirken. In unserem, im deutschen vaterlande, haben sich schon im frühen Mittelalter trotz aller Verbote von Kirchenversammlungen, trotz fanatischer Eiferer, die Abkömmlinge des jüdischen Stammes, an dem die Stürme der Völkerwanderung ohne jede Einwirkung vorübergegangen waren, mit den deutschen Eingewanderten zu diesem Wirken verbündet, und manch' heut noch wundersam erscheinendes Zeichen dieser Verbrüderung wird uns aus den alten Geschichtsquellen und Schreinsbüchern ersichtlich. Diesem engen Band bereiteten erst die Kreuzzüge ein, freilich jähes Ende; nicht bloß der religiöse Gegensatz trennte seither beide Teile — auch die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden, denen j seit dem lateranischen Konzil von j2j5 nur der