Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Norden: Gin Mort?nr Sadbatfragr 59 sein, dem Schultag den sabbatlichen Charakter zu verleihen? wäre das nicht eine ganz kindliche Vorstellung, daß damit dem Sabbatgebote Genüge getan ist? Als ob die Entweihung des Ruhetages im Schreiben und Zeichnen bestände, und nicht vielmehr darin, daß der Sabbatmorgen eben durch den Besuch des Unterrichts zum Werktag gestempelt wird! Nein, unsere Rinder, ob sie nun die Feder in die Hand nehmen oder nicht — das sind Äußerlichkeiten — so oder so haben sie in der Schule keinen Sabbat und können ihn nicht haben. Nun gibt es viele, die da sagen: Gewiß, wir erkennen die große Schwierigkeit an, in der sich unser Sabbat befindet. Da es uns nun aber nicht vergönnt ist, an ihm der Ruhe zu pflegen, so ruhen wir am Sonntag von unserer Arbeit aus, wozu uns ja ohnedies die staatlichen Verordnungen zwingen. Ja, wenn die Sache so einfach liegen möchte, dann wären wir allerdings schnell am Ziele. Aber mit dem Ausruhen von der Berufsarbeit allein ist doch das Sabbatproblem nicht gelöst. Der Sabbat will doch zweierlei: Er will uns Ruhe bringen von der Arbeit, aber er will uns auch weihe und Erhebung bringen, und zwar Ruhe und Weihe zugleich, an ein und demselben Tage. Da liegt die Schwierigkeit: wir haben die weihe am Samstag und die Ruhe am Sonntag; das sind zwei Hälften, die kein einheitliches Ganze ergeben. Oder glaubt man etwa, die äußere Ruhe am Sonntag bringe zugleich auch ganz von selbst die innere weihe und die gehobene Stimmung mit sich, für Juden nicht minder, als für Christen? Wenn das wahr wäre, wenn die äußere Ruhe von der Berufsarbeit ohne weiteres weihe und Erhebung nach sich zöge: dann müßte ja die Zugend während der Schulferien, dann müßten Beamte während ihrer Beurlaubung, dann müßten alle diejenigen, die sich für kürzere oder längere Zeit von ihren Berufsgeschäften zurückziehen können, sich während dieser ganzen Zeit in weihevoller und gehobener Stimrnung befinden; und das ist doch mit nichten der Fall. Die Sache liegt vielmehr folgendermaßen: Unsere christlichen Mitbürger ruhen am Sonntag; und wenn sie allwöchentlich oder doch hin und wieder das Bedürfnis empfinden, sich religiös zu erheben, dann befriedigen sie ihr religiöses Bedürfnis eben an ihrem Ruhetage. Der Jude ruht gleichfalls am Sonntag, er mag wollen oder nicht. Will er nun aber sein religiöses Bedürfnis befriedigen, da konrmt die Synagoge und sagt: „Es tut uns leid, aber heute ist für uns kein offizieller Tag der Ruhe, heute wird darum von unserer Seite für Erhebung und Erbauung nichts getan. Da kommst du einen Tag zu spät." Zst das nun nicht ein furchtbares Trauerspiel, sehen zu müssen, wie diejenige Gemeinschaft, die der Rulturwelt die Zdee und die Einrichtung des wöchentlichen Ruhe- und Weihetages geschenkt hat, durch Verhältnisse, die außerhalb des Gebietes ihrer Macht liegen, in höchster Gefahr schwebt, dieses kostbaren Gutes verlustig zu gehen? Zst das nicht ein unerträglicher Zustand? Das Schlimmste dabei aber ist, daß leider die Meisten von uns bereits aufgehört haben, diesen Zustand als unerträglich zu empfinden. Eine dumpfe Resignation hat sich unser bemächtigt. Die Meisten haben den Sabbatgedanken, den Gedanken an eine wöchentliche weihe und Erhebung, schon aufgegeben als einen verlorenen Kosten. Dürfen wir das tun? Geben wir uns damit nicht selber auf? Denn verhehlen wir es uns nicht: Unser Sabbat steht nicht auf einer Stufe etwa mit zahlreichen anderen Vorschriften oder Gebräuchen, die, so segensreich sie auch einst in vergangenen Tagen gewirkt haben mögen, doch in der Gegenwart ihre religiös-erzieherische Bedeutung immer mehr einbüßen, deren allmäh-