Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 3 (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Av. Srtigruarm: Lehre und Febrn oder Judentum urrd Iudrnhril 57 Die sittliche und religiöse Tat, aber nicht der Glaube wurde gefordert. Stets war der Gedanke frei in Israel! Wenn Stahl, der Schöpfer der Idee vom christlichen Staat im Jahre sagt: „Der Wunderglaube ist die Vorbedingung des christlichen Glaubens, und ist gerade bei der Anfechtung des Glaubens, die unserer Zeit eigentümlich ist, wirklich und untrüglich das Schiboleth," so sagt Moses Maimonides, der jüdische Rabbi, im Jahre WO: „Wessen Glaube sich auf Wunder stützt, dessen Glaube ist krank .... Wunder haben keine Beweiskraft, und das geistige Auge, das eine religiöse Wahrheit erkennt, ist mehr wert, als ein Auge, welches Wunder schaut." Lange bevor Giordano Bruno und vanini wegen ihrer philosophischen Meinungen, weil sie mit dem Wortlaut der Bibel nicht übereinstimmten, von Religionswegen verbrannt wurden, lange bevor Galilei in der Folterkammer zu Rom seine wissenschaftliche Ueberzeugung widerrufen mußte, hatte der jüdische große Gelehrte Gersonides, ohne daß das Judentum sich sonderlich Darüber aufregte, gesagt: „Es ist klar, daß wir anerkennen müssen, was unsere Vernunft uns zu denken befiehlt, und wenn der Wortlaut der Bibel dem zu widersprechen scheint, so muß die betreffende Stelle so erklärt werden, daß sie mit der Vernunft übereinstimmt." Ist es nicht ein majestätisches Schauspiel, wenn Ernest Renan in seiner Geschichte des Urchristentums ausruft: „Wahrlich ein Buch wie die Ikkarim" (d. h. die Religionsgrundlagen) von Joseph Albo, welches die Religion als die Bestimmung erklärt, derMoral zu dienen, welches die Offenbarung und Vrophetie als eine innere Geistesschau bezeichnet, welches den Satz aufstellt, daß alle jüdischen Gesetze modifiziert werden können, ein solches Buch, welches berühmt wird, und das kein Bannstrahl trifft, ist eine Tat, wie keine zweite Religion eine solche aufweisen kann." Und hat nicht ähnlich Rant vor O0 Jahren an Mendelssohn geschrieben: „Sie haben ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zugetraut hätte, und dergleichen sich keine andere rühmen kann." Wenn aus solcher Männer Mund der Religion Israels so begeistertes Lob erschallt, ist das nicht die wörtliche Erfüllung der Vorhersage Moses: Eure Religion soll eure Weisheit und eure Einsicht werden vor den Augen der Völker? Daß unsere Religion wieder zur Weisheit und Einsicht werde — nicht in den Augen der Völker — sondern in den Augen unserer Gebildeten, in den Augen unserer Jugend, daß das Judentum durch die Hervorkehrung seiner idealen Momente, gegenüber der Hervorkehrung vielfach erstarrter Formen, wieder neue Werbekraft gewinne in unserer eigenen Mitte, das ist das Ziel und der tiefste Grund unserer liberalen Bewegung. Ein wort zur Sabbaffrage. Von Rabbiner Dr. norden - 61 berfeld. nter den Fundamentalsätzen unseres Glaubens, unter den zehn Geboten, hat der Sabbat seinen Ehrenplatz erhalten. Diese Tatsache allein führt uns den Sabbat in seiner ganzen großen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit vor die Seele. Nein, der Sabbat ist kein einfacher Brauch, keine bloße Zeremonie: er ist eine der grundlegenden Einrichtungen des Judentums. Als einst in grauer Vorzeit die Sabbatgebete verfaßt wurden, da wurde auch ein Satz aufgenommen, der uns so recht zeigt, wie sehr die alten Israeliten der Bedeutung ihres Sabbats sich bewußt waren: „Du hast